Wochenkommentar
In der Schweiz wäre Petraeus noch im Amt

Ein Dramaturg könnte die Geschichte nicht schöner inszenieren, die sich derzeit im realen Leben abspielt: CIA-Chef und Ex-General David Petraeus hat acht Monate lang eine Affäre mit seiner Biografin.

Christian Dorer
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Die Affäre um den zurückgetretenen CIA-Chef Petraeus hat möglicherweise ein politisches Nachspiel (Archiv)

Die Affäre um den zurückgetretenen CIA-Chef Petraeus hat möglicherweise ein politisches Nachspiel (Archiv)

Keystone

Sie schreibt, wohl aus Eifersucht, üble anonyme Mails an eine andere Frau aus Petraeus' Umfeld. Die Geschmähte wendet sich an einen befreundeten FBI-Agenten, die Untersuchungen nehmen ihren Lauf, die Affäre fliegt auf. Petraeus tritt zurück. Und alle finden, das sei unausweichlich gewesen.

Warum eigentlich? Zwei erwachsene Menschen hatten eine aussereheliche Beziehung miteinander. Man kann das moralisch verwerflich finden - verboten ist es nicht. Schliesslich hat Petraeus kein Zimmermädchen zu Sex genötigt (wie Dominique Strauss-Kahn), er hat keine Doktorarbeit gefälscht (wie Theodor zu Guttenberg), er hat nicht seiner Ex-Freundin auf übelste Weise nachgestellt (wie Ex-Armeechef Roland Nef), er hat nicht seine Vorbildfunktion verletzt (wie der wiederholt rasende Ex-Polizeikommandant aus dem Aargau).

Wenn als Massstab gilt, was eine Person unter ihrer Bettdecke treibt, dann müsste mancher Kopf rollen. Die «Weltwoche» hat treffend festgestellt: «Die Hatz hat groteske und lächerliche Formen angenommen. Warum sollen Menschen in hohen Ämtern treuer sein als andere?»

Die USA haben hohe moralische Erwartungen an ihre Elite. Menschen in Top-Positionen müssen ein intaktes Familienleben zelebrieren, sonntags zur Kirche gehen, die Ehefrau stets brav an ihrer Seite zeigen. Eine Abweichung von diesem Idyll bedeutet oft das Ende der Karriere. Und selbst Soldaten der US-Army sind Seitensprünge unter Strafe verboten - weil sie dem Ansehen der Armee schaden würden.

Die Schweiz interessiert sich zum Glück mehr für die Kompetenzen ihrer Entscheidungsträger als für deren Sexleben. Die Behauptung sei gewagt: Würde eine Affäre zwischen dem Schweizer Armeechef und seiner Biografin auffliegen, so wäre das ein schönes Tratsch-Thema. Mehr nicht. Vor Jahren wurde der ehemalige Solothurner FDP-Ständerat Rolf Büttiker in einem Buch als Kunde einer Prostituierten geoutet. Er gab es unumwunden zu. Und wurde glänzend wiedergewählt. Diese Toleranz ist ein Produkt der neueren Zeit. Franz Steinegger wäre 1989 wohl Bundesrat geworden, wäre er nicht gerade in Scheidung gestanden. Das ging damals noch nicht.

Die Privatsphäre ist bei uns ein hohes Gut. Und Ausdruck urliberalen Denkens: Jeder soll so glücklich werden, wie er will. Solange er seinen Job gut macht. Dieser Wandel steht den USA hoffentlich noch bevor.