Recht auf Unglück
Idiotensicher ins Paradies

Ludwig Hasler zum Bestreben, vor allem Scheitern und Unglück ins Trockene zu fliehen.

Ludwig Hasler*
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Die Freiheit ist der grösste Feind der Sicherheit.

Die Freiheit ist der grösste Feind der Sicherheit.

Keystone

Schon wieder ein Kampfjet abgestürzt, wieder ein Erdbeben, erneut ein Terroranschlag, noch immer im Negativzins-Schlamassel ... Ja hört denn das nie auf? Wer ist eigentlich zuständig? Wer verschlampt die Sache? Die Politik? Die Bauwirtschaft? Die Nationalbank? Unter dem permanenten Sorgendruck sollen wir unsere prima Performance hinlegen? Wir wollen endlich unsere Ruhe. Und Zinsen. Und mehr AHV. Grüne Wirtschaft sowieso.

Manchmal denke ich, wir glaubten tatsächlich, wir kämen demnächst oben auf dem Berg an, mit dem ewigen Kraxeln und Schwitzen und Abstürzen am Berg wäre Schluss, wir fänden uns am Ende der Geschichte, also im Paradies, ohne Probleme und Debakel und Idioten. Als Traum ist das plausibel. Falsch ist nur, dass dann die Idioten auf der Strecke blieben. Es läuft ganz
anders: Das Paradies ist exklusiv für Idioten.

Der Witz des Sicherheitswahns

Das beginnt damit, dass wir alles idiotensicher herrichten. Sonst hätten wir nicht eine Lebensmittelverordnung auf 1700 Seiten, bloss damit keiner sich je wieder verschluckt. Kommt aber doch vor – und da liegt der Witz im Sicherheitswahn: Neue Massnahmen machen nicht sicherer, sie ändern nur das Verhalten. Beispiel Helmpflicht. Nur noch mit Helm aus dem Haus, wäre doch sicherer, oder? Naja, also ich setze den Helm auf und verwandle mich in einen Krieger – und brettere umso rücksichtloser drauflos.

Sicherer? Das Drama kommt eh unerwartet: Hirntumor, Erdbeben, Börsencrash, Midlifecrisis. Nach dem 11. 9. 2011 nahmen Amerikaner aus Angst vor Terror das Auto statt das Flugzeug – 1500 starben mehr als sonst auf Strassen.

Was tun? Präventiv idiotensicher machen. Beispiel Fussball. Was da hinter dem Rücken des Schiedsrichters getreten und verletzt wird! Einfache Lösung: Pro Spieler ein Schiedsrichter. Macht das Spiel kaputt? Aber sicher. Wie Regulatoren in der Wirtschaft. Der Urfeind der Sicherheit: Freiheit. Weil eine Freiheit, die nicht missbraucht werden kann, gar keine ist.

Also Freiheit abschaffen. In «Schöne neue Welt» schildert Aldous Huxley eine künftige Gesellschaft, die sich gegen Freiheit und für Sicherheit und Glück entschieden hat. Freiheit, befand der Weltsicherheitsrat, habe nichts als Debakel gebracht, soziale Unruhe, individuelle Tragödien, Weltkriege. Also schaffte er Freiheit ab – und organisierte das störungsfreie Glück, mit Menschenzucht, Wohlfühlkinos, Sex à discrétion, Happy-Pille Soma. Zitat: «Die Welt ist jetzt im Gleichgewicht. Die Menschen sind glücklich, sie bekommen, was sie begehren, und sie
begehren nichts, was sie nicht bekommen können. Es geht ihnen gut, sie sind geborgen, immer gesund, haben keine Angst vor dem Tod. Leidenschaft und Alter hier unbekannt ...»

Komplette Sicherheit – vor typisch menschlichen Fehlern, Pannen, Debakeln – kommt nicht (wie in George Orwells «1984») durch den Polizeistaat. Menschen müssen nicht eingesperrt werden, es genügt, sie im Happy-Modus zu wiegen. Sind die Bedürfnisse gesättigt, spuren wir. Fühlen wir uns sicher, werden wir total harmlos. Wozu also Freiheit, wenn ohne sie das
Leben sicherer ist? In Huxleys Roman taucht «der Wilde» auf, rebelliert gegen die Glücks-Diktatur. Im Gespräch mit dem Weltaufsichtsrat Mannesmann wird die Alternative deutlich:

Vom Recht auf Unglück

«Ich will Freiheit», sagt der Wilde.

«Wir nicht», versetzt der Aufsichtsrat, «uns ist Bequemlichkeit lieber.»

«Ich brauche keine Bequemlichkeit. Ich will Gott, ich will Poesie, ich will wirkliche Gefahren und Freiheit und Tugend. Ich will Sünde.»

«Kurzum», sagt der Weltaufsichtsrat. «Sie fordern das Recht auf Unglück.»

«Gut denn», erwidert der Wilde, «ich fordere das Recht auf Unglück.»

Nicht jedermanns Sache, das «Recht auf Unglück». Dabei fordert es uns überhaupt nicht auf, den Kopf hängen zu lassen und auf der Bahnhofstrasse «Das Ende naht» zu rufen. Keiner will unglücklich sein, doch wir brauchen die Möglichkeit von Unglück und Scheitern. Das Risiko befreit aus der Krake «Sicherheit», die meine Freiheitsimpulse bis zur Unschädlichkeit entschärft, meine Existenz auf die Schwundstufe «reibungslos» herunterbagatellisiert.

Was wäre die grosse Liebe ohne das Risiko des Liebeskummers? Der Rausch ohne Kater?
Nur Idioten wollen partout Feuer ohne Rauch. Darum treffen sie sich im Paradies.

* Ludwig Hasler ist Kolumnist in Fachzeitschriften für Management und Kommunikation, Referent für Fragen der Zeit-Diagnostik. Sein jüngstes Buch: «Des Pudels Fell. Neue Verführung zum Denken».