Kolumne
Ich hasse Reisen

In ihrer Kolumne schreibt Social-Media-Star, Moderatorin und D-Promi Gülsha Adilji über den Wunsch, in der schönsten Jahreszeit in ein Flugzeug zu steigen.

Gülsha Adilji
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Gülsha Adilji: «Ich liebe mein Zuhause sehr. Und irgendwie verstehe ich nicht, weshalb man zu der schönsten Jahreszeit in ein Flugzeug steigen soll, um dann in einem anderen Land in der Sonne zu liegen, durch die Berge zu wandern oder Gebäude anzuschauen, obwohl man das ja auch zu Hause tun könnte.» (Archivbild)

Gülsha Adilji: «Ich liebe mein Zuhause sehr. Und irgendwie verstehe ich nicht, weshalb man zu der schönsten Jahreszeit in ein Flugzeug steigen soll, um dann in einem anderen Land in der Sonne zu liegen, durch die Berge zu wandern oder Gebäude anzuschauen, obwohl man das ja auch zu Hause tun könnte.» (Archivbild)

istock

Seiner Putzfrau, bzw. dem Raumpflege-Fachpersonal, bei der Arbeit zuzusehen, ist sehr, sehr unangenehm. Man muss dann immer so tun, als hätte man ganz wichtige Dinge zu erledigen am Laptop, und ihn so drehen, damit niemand sieht, dass man grad auf Netflix etwas schaut. Mir geht es aktuell so.

Nicht, dass ich mir jemanden leisten könnte, der jede Woche vorbeikommt, um meine Wäsche zu bügeln und die Wachsreste vom Bettrand zu kratzen. Aber meine Mitbewohnerin schwingt sich grad mit je einem Wischmop unter den Füssen durch die Wohnung, und ich sitze hier und habe so gar keine Lust auf Sommerputz, weshalb ich die Gelegenheit nutze und mich wieder mal bei Ihnen melde.

Reisen ist teuer und anstrengend und belastet die Umwelt ...

Hallo! Wie geht es Ihnen denn so? Geniessen Sie weissweingetränkte Abende in Ihrem Garten und schauen den Gottikindern beim Baden im selbst aufgeblasenen Planschbecken zu? Das ist schön, mir geht es auch gut. Ich fliege bald in den Urlaub. Aber ich muss gestehen, ich mag Reisen eigentlich gar nicht so sehr. Im Gegenteil, ich mag es viel mehr, wieder zu Hause anzukommen.

Es ist wundervoll, nach gefühlten acht Wochen – es sind meist nur zwei – zurückzukommen, die Wohnungstüre aufzuschliessen und vom Wohnungsgeruch empfangen zu werden, als sei es eine alte gute Freundin. Ich liebe mein Zuhause sehr. Und irgendwie verstehe ich nicht, weshalb man zu der schönsten Jahreszeit in ein Flugzeug steigen soll, um dann in einem anderen Land in der Sonne zu liegen, durch die Berge zu wandern oder Gebäude anzuschauen, obwohl man das ja auch zu Hause tun könnte.

Reisen öffne den Horizont und lasse einen viele Dinge in einer neuen Relation sehen. Ahh. Aber das tun Dokus auch, und die machen den ökologischen Fussabdruck nicht zu «Sie benötigen 2,5 Erden». Reisen ist teuer und anstrengend, und man ist in Ländern unterwegs, wo man die ganze Zeit hofft, es möge nichts Unvorhergesehenes geschehen. Deshalb nimmt man auch eine perfekt ausgerüstete Reiseapotheke mit. Man hat ständig irgendwie Angst um sein Portemonnaie oder seine Darmflora, aber dafür kann man im Meer baden und neue Kulturen kennen lernen.

Meine Freunde, und Frauenzeitschriften, behaupten ja, man bekomme eine ganz tolle Haut nach dem Strandurlaub. Ich denke während des Badens ausschliesslich daran, dass man ja kein Papier die Toilette runterspülen darf, und das nur, weil das gesamte Abwasser einfach ins Meer geleitet wird.

.. und trotzdem fliege ich jedes Jahr irgendwohin

Wenn ich mich über meine Reiseunlust reden höre, fühle ich mich wie ein sehr alter und sehr müder Mann, der ganz hässig alles in den Dreck zieht, was nicht in seinem Dorf steht. Weil ich das aber nicht sein will, fliege ich jedes Jahr irgendwohin, wo weder die Leute mich verstehen noch ich sie. Häufig kenne ich noch nicht mal ihre Schrift oder Währung.

Ich komme auch irgendwie gar nie mit den Einheimischen in Kontakt, aber es ändert wohl trotzdem meine Sicht auf die Welt, dass ich im sicheren Quartier, wo die Hostels sind mit all den Backpackern aus Australien und Österreich, Strandpartys feiern kann. Und ich inmitten von Armut, missachteten Menschenrechten und Cholerabakterien zwei Wochen lang den Surflehrer anflirten kann, das ist dann wohl der Part mit dem Horizonterweitern.

Während des Reisens lernt man auch, wie man bettelnde Kinder ignoriert und Taxifahrern so wenig wie nur menschenmöglich bezahlt, weil vier Franken einfach kein angemessener Preis sind für diese Strecke, man will sich ja nicht über den Tisch ziehen lassen, dafür ist man nicht um die halbe Welt geflogen. Man ist vielmehr durch mehrere Zeitzonen gejettet, um Wasser nur aus Plastikflaschen zu trinken und sich auf die wirklich schlecht gefälschten Marken-Shirts zu stürzen.

Und natürlich muss man, bevor man in den Urlaub fliegt, die ganze Wohnung putzen, samt Bett-frisch-Beziehen, man will es ja schön und sauber haben, wenn man zurückkommt. Aber wenn man es doch grad so gemütlich hat zu Hause, wieso überhaupt weggehen? Ich weiss es irgendwie nicht so genau, bin aber ehrlich froh, dass meine Mitbewohnerin das mit dem Putzen übernimmt und ich das mit dem Reisen mache. Ich weiss nicht, was schlimmer ist.