Wochenkommentar
Hürzeler eingeschnappt, Falle zugeschnappt

Im Vorfeld der Demonstration vom 8. November wollte die Schülerorganisation in den Kantonsschulen über den geplanten Bildungsabbau informieren. Bildungsdirektor Alex Hürzeler empörte sich über die Plakataktion – und ist damit in eine altbekannte Falle getappt.

Christian Dorer
Christian Dorer
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Der Aargauer Bildungsdirektor Alex Hürzeler ist in die Empörungsfalle getappt.

Der Aargauer Bildungsdirektor Alex Hürzeler ist in die Empörungsfalle getappt.

Mario Heller

Am kommenden Dienstag demonstrieren die Aargauer Lehrerinnen und Lehrer gegen den Abbau in der Bildung und für mehr Lohn für sich selber. Die Aktion ist bereits jetzt ein Erfolg, noch ganz ohne Zutun der Lehrer. Ihnen hilft die Kontroverse um die Frage, wer an der Demo teilnehmen darf. Aarau ordnet an, kein Unterricht dürfe ausfallen, und sorgt für Empörung bei den Lehrern. Lenzburg kündigt in einem Elternbrief Schulausfälle an und sorgt für Empörung bei den Kritikern der Lehrer. Was ist das A und O einer Demonstration? Dass sie zu reden gibt!

Den grössten Support leistet Bildungsdirektor Alex Hürzeler. Höchstpersönlich hat er in letzter Minute eine Aktion von Schülerorganisationen gestoppt, die an den Kantonsschulen Protestplakate aufhängen wollten, brav abgesprochen mit den Rektoren. Hürzeler ist in die Empörungsfalle getappt: Kein Mensch hätte sich für die Aktion interessiert. Jetzt aber diskutiert der ganze Kanton darüber, wir Medien lieben solche Debatten, die Linke bewirtschaftet das Thema gekonnt («Zensur!»). Die Schüler sollten Hürzeler ein grosses Dankeschön aussprechen. Ohne ihn hätte die Aktion niemals derartige Aufmerksamkeit erreicht.

Der Empörte empört sich öffentlich und gibt so dem Unbedeutenden Bedeutung. Ein simpler Mechanismus, und doch schnappt die Falle immer wieder zu:

  • Der türkische Staatschef Erdogan klagte gegen Satiriker Jan Böhmermann wegen eines beleidigenden Gedichts. Ohne Klage hätte niemand dieses zur Kenntnis genommen, so aber ging es um die Welt.
  • Andreas Glarner, Gemeindeammann von Oberwil-Lieli, drohte der Studentin Johanna Gündel mit einer Anzeige, weil sie behauptet hatte, der Gemeinderat würde Reiche bevorzugen. Wenn aber der Mächtige auf die Schwache losgeht, so schwappen alle Sympathien zu ihr. Gündel ist jetzt sogar als «Aargauerin des Jahres» nominiert.
  • Die Taxi-Gewerkschaften organisierten 2014 einen Streik in den Metropolen Europas, um gegen Uber zu protestieren. Keine Werbeaktion hätte Uber mehr nützen können als dieser Streik, zumal die Uber-Taxis als einzige unterwegs waren.

Gelassenheit nützt mehr als blanke Nerven

Die Liste liesse sich beliebig verlängern. Was ist die Lehre daraus? Man muss nicht alles durchgehen lassen. Oft aber ist Gelassenheit zielführender als Empörung. Im Fall der Plakate erstaunt eigentlich nur eines: dass die heutigen Schüler derart angepasst sind, dass sie vorgängig eine Bewilligung bei den Rektoren einholen – und nicht einfach handeln.

Nebengeräusche verhelfen einer Aktion zu Aufmerksamkeit. Dabei besteht die
Gefahr, dass die Botschaft vergessen geht. Die relevante Frage am Dienstag lautet: Haben die Lehrer Recht mit ihren Forderungen? Wird zu viel gespart in der Bildung? Verdienen die Lehrer mehr Lohn?

Was man anerkennen muss: Es ist die Aufgabe des Regierungsrats, für ausgeglichene Kantonsfinanzen zu sorgen. Und es ist seine Pflicht, dass er dazu gegen alle Widerstände Sparprogramme schnürt. Die Bildung macht ein Drittel aller Ausgaben aus, auch hier zu sparen kann deshalb kein Tabu sein. Ob nun jede einzelne Massnahme sinnvoll ist, muss aber tatsächlich kritisch hinterfragt werden. Denn es darf nicht sein, dass die Schulkinder direkt getroffen werden, etwa mit der Reduktion von Schulstunden. Das ist nun wirklich am falschen Ort angesetzt. Zumal undenkbar ist, dass man in der Verwaltung und in der Bürokratie keine anderen Sparmöglichkeiten findet, die weniger einschneidend sind.

Lehrer sind anständig bezahlt, die Sorgen liegen anderswo

Zum Glück erheben die Lehrer da ihre Stimme! Leider aber beschädigen sie ihre Glaubwürdigkeit, indem sie ihren Kampf für die Kinder verknüpfen mit der Forderung nach mehr Lohn. In Zeiten von Nullteuerung und Staatsdefizit liegt sie schräg in der Landschaft, zumal in der Privatwirtschaft die Zeichen eher auf Korrektur nach unten als nach oben stehen. Auch der Kantonsvergleich hinkt. Man wird immer Kantone finden, die besser zahlen. Wer das nicht will, müsste einen landesweiten Einheitslohn fordern, gleiche Arbeitsbedingungen und letztlich ein einheitliches Schulsystem. Das aber widerspräche unserem föderalen System.

Lehrer sind im Vergleich mit anderen Berufen auch im Aargau anständig bezahlt und haben viele Vorteile – etwa einen sicheren Job. Wer mit Lehrern spricht, bekommt denn auch ganz andere Sorgen zu hören als Geldnot: die wachsende Bürokratie, den schwindenden Freiraum, die starren Lehrpläne. Wenn sich die Lehrer zu stark auf ihre Lohnforderungen fixieren, dann tappen auch sie eine Falle: dass man ihnen vorwerfen kann, es gehe
ihnen nur um sich selber.