Wochenkommentar
Hoffentlich ist der Brexit ein heilsamer Schock!

Was bedeutet eigentlich Brexit? Das fragte ein Radio-Reporter Bürger auf der Strasse. «Das ist doch diese Sterbehilfeorganisation!», antwortete eine Frau stolz. Seit gestern wissen wir: Sie lag vielleicht nicht mal so falsch. Die Frage ist bloss, für wen der gestrige Entscheid tödlich enden könnte – für die EU oder für Grossbritannien?

Christian Dorer
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Angela Merkel und die EU hatten am Freitag einen Schock zu verdauen. Ist er heilsam?

Angela Merkel und die EU hatten am Freitag einen Schock zu verdauen. Ist er heilsam?

Keystone

Sicher ist: Der 23. Juni 2016 geht in die Geschichte Europas ein. Der Brexit – Britanniens Exit aus der EU – ist ein historisches Ereignis mit ungewissem Ausgang – und ein Ereignis, das kaum jemand hat kommen sehen. Die allermeisten Experten, Politiker und Journalisten gingen davon aus, dass die Briten das Experiment am Ende des Tages nicht wagen würden, weil die Auswirkungen auf Wirtschaft und Wohlstand nicht absehbar wären.

Was aber sind die Folgen für die EU? Im guten Fall ist der Brexit ein heilsamer Schock. Dann fällt der Widerstand gegen Reformen, dann erhalten die einzelnen Mitgliedsländer mehr Autonomie, dann können sie stärker mitbestimmen, wann sie welche Integrationsschritte gehen wollen oder eben auch nicht. Reformgegner könnten plötzlich kompromissbereit werden, weil sie verhindern wollen, dass weitere Länder die EU verlassen.

Einen weiteren Austritt überlebt die EU kaum

Im schlechten Fall ist der Brexit der Anfang vom Ende der EU. Denn nun erhalten Populisten in ganz Europa Auftrieb, Marine Le Pen in Frankreich, Björn Höcke in Deutschland und Geert Wilders in Holland forderten gestern sogleich EU-Abstimmungen auch in ihren Ländern.

In den beiden wichtigsten EU-Staaten, in Deutschland und Frankreich, finden 2017 Wahlen statt. Was, wenn die Populisten einen Erdrutschsieg einfahren? Was, wenn sie dem Beispiel Grossbritanniens folgen? Verlässt ein weiteres Schwergewicht die EU, ist sie faktisch tot.

Viele würden das beklatschen, auch in der Schweiz. Man kann mit Recht an vielem in der EU herummäkeln. Bedauerlich ist, dass ihr historisches Verdienst mehr und mehr negiert wird: Nie zuvor in der Geschichte gab es eine derart lange Friedensphase im Gebiet der heutigen EU-Mitglieder.

Partnerschaftliche Beziehungen, offene Grenzen, freier Handel – das alles war noch vor zwei Generationen undenkbar. Spanien und Portugal etwa waren bis Mitte der 1970er-Jahre Diktaturen – auch dank Druck der Union wurden sie demokratische Staaten.

Die Schweiz setzt gern auf die falschen Verbündeten

Und die Schweiz? Die Beziehungen zu unserem Land sind in der Prioritätenliste der EU weiter nach hinten gerutscht. Ob das gut oder schlecht ist, werden wir sehen. Töricht jedoch wäre es, Grossbritannien nun als neuen Verbündeten zu feiern und zu meinen, mit britischer Schützenhilfe könne die Schweiz bei der EU mehr herausholen. Gleichzeitig wäre es typisch schweizerisch: Bereits beim Kampf ums Bankgeheimnis meinte unser Land, es mithilfe von Luxemburg retten zu können. Und scheiterte grandios.

christian.dorer@azmedien.ch