Sonntagsverkauf
«Herrjesses!» – Der Sonntag ist doch ein Ruhetag

Daniel Cortellini schreibt in der «Badener Tagblatt»-Kolumne über die Sonntags-Öffnungszeiten. Der Badener Weinhändler hat den grossen Wunsch, mal nichts machen zu dürfen.

Daniel Cortellini
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Daniel Cortellini schreibt in der BT-Kolumne über die Sonntags-Öffnungszeiten. Für den Badener Weinhändler ist der Sonntag aber ein Ruhetag.

Daniel Cortellini schreibt in der BT-Kolumne über die Sonntags-Öffnungszeiten. Für den Badener Weinhändler ist der Sonntag aber ein Ruhetag.

Keystone

Meine betagte Schwiegermutter stammt aus Untervaz, dem schönsten Dorf im Bündnerland, mit lauter eigenen, grossartigen Charakterköpfen, ja, Untervaz ist die Welt, wenn Du richtig hinzuschauen, hinzuhören verstehst. Herrjesses, seufzt diese meine Schwiegermutter immer wieder, aber je nach Betonung hat es einen anderen Sinn: Liegt die Betonung auf «Herr», dann wird einer allgemeinen bedrückenden Grundstimmung Ausdruck gegeben, liegt sie auf «Jesses» (Jesus), dann drückt dies ein konkreteres Schockerlebnis aus. Ich lernte somit schnell die Vorzüge dieser Sprache: ein Herrjesses passt irgendwie immer...

Und so seufzte auch ich ein aus tiefstem Herzen kommendes «Herrjesses», als ich von den Sonntagsöffnungszeiten unseres Coops vernahm, weil, Sonntag wäre doch Ruhetag! Sonntags sollten doch mal alle den Schnauf anhalten, die Handgurke ausschalten und in die Natur oder in sich selbst gucken, aber sicher nicht ins Einkaufscenter. Herrjesses, bald muss, wer Wein verkaufen will, auch noch am Sonntag öffnen, und plötzlich merke ich, dass ich eigentlich gerne eine schützende Struktur, quasi fixe Spielregeln hätte, die besagen würde: Sonntags: ZU! Auch wenn mich jedwelche Regeln nerven, sie verursachen gleichzeitig einen kreativen Druck, das viele, was wir haben, besser, effizienter und eben lustvoller auszufüllen.

Also will ich mal nach Untervazer Art delegieren und beten: Herrjesses, sorg doch Du dafür, dass wir uns vor lauter Weiterentwicklung nicht gänzlich verlaufen, dass in Baden ab und zu auch einmal ein lärm- und anlassfreies Wochenende stattfinden möge, dass dafür innerhalb der bestehenden Möglichkeiten auch den Royalisten genügend Freiraum gewährt werden möge, sodass, Herrjesses, ein einziger Tag pro Woche stattfinden könnte, an dem wir es mal gut sein lassen könnten. Kein Business, kein Money, kein Krakeele und Bummbumm, ein jeder darf mal NICHTS machen und sich erst noch gut dabei fühlen – die andern machen ja auch nichts.

Ausser – und hier kommt eine kleine Ausnahme: Aktive Weinhändler sollten eine Spezialbewilligung erhalten, am Sonntag einzukaufen, weil, wann können sie denn sonst...? Und plötzlich fällt mir siedend heiss ein: Herrjesses, ich war schon dreimal drin!

Somit bete ich als tiefgläubiger Atheist ein zweites Mal zum Gott meiner Schwiegermutter und Gott vieler anderer: Herrjesses, mach diesen Laden doch am Sonntag zu! Schütze mich vor dem Verblöden mit dieser 7-Tage-Plausch-Gesellschaft und zwinge mich, meine Einkäufe so zu verlegen, wie sie eben in die bereits reichlich vorhandenen Möglichkeiten passen. Und wer unbedingt am Sonntag einkaufen will, kann diesen Groove bereits zweimal jährlich in fast jedem Laden dieser Stadt erfahren – das sollte doch wenn schon, etwas Besonderes bleiben.

Aber eigentlich wollte ich Euch doch von meiner Schwiegermutter erzählen und bin dabei völlig abgeschweift – Herrjesses!

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