Kolumne
Gülsha Adilji: «Nicht Muslime bringen Gewalt und Unheil in den Westen»

Autorin Gülsha Adilji stört sich daran, wie über die Flüchtlingsthematik diskutiert wird. Statt den Menschen auf der Flucht mit Würde und Respekt zu begegnen, wird eine Hetze gegen den Islam geführt.

Gülsha Adilji
Gülsha Adilji
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Mit Stacheldraht und Tränengas gegen Flüchtlinge

Mit Stacheldraht und Tränengas gegen Flüchtlinge

KEYSTONE/AP/AMEL EMRIC

Beschäftigt man sich mit der Flüchtlingsthematik, fällt einem etwas Irritierendes auf. Politiker, die Stacheldrahtzäune verlangen und lautstark verkünden, man solle Soldaten an den Grenzen positionieren, holen aus zum Roundhousekick, um unsere Empathie ins Nirvana zu katapultieren.

Statt keine Sekunde zu zögern, Menschen auf der Flucht mit Würde und Respekt zu begegnen und Hilfe zu leisten, wird der humanitäre Gedanke vermeintlich rational eingeschränkt. Unbewusst und hinterhältig wird ein unbehagliches Gefühl Menschen gegenüber geschaffen, die wegen Krieg, Zerstörung und Tod ihre Heimat verlassen müssen. Es werden Gründe für eine strikt reglementierte Hilfe aufgezählt, statt alles in unserer Macht Stehende zu tun, die Not dieser Menschen zu lindern.

Muslime gelten durchs Band als nicht integrierbar

Dieses menschenverachtende Handeln beruft sich auf einen Grund: Religionszugehörigkeit. Von heute auf morgen liegt die Problematik nicht mehr in unbewältigbaren Massen, fehlenden Unterbringungsmöglichkeiten oder einem Mangel an Kapazitäten, nein, es ist der Islam. Muslime gelten plötzlich durchs Band als nicht integrierbar.

Stimmen wird Gehör geschenkt, die behaupten, Muslime würden nicht in unsere Kultur passen, eine friedliche Koexistenz sei gar nicht möglich. Muslime könnten gar aufgrund ihrer Religion nicht in unserem Wirtschaftssystem bestehen und würden unausweichlich früher oder später an Mutter Staats Zitze hängen.

Und das perfideste Argument: Es seien Muslime, die sich in die Luft sprengten, also liefen wir Gefahr, durch Hilfsbereitschaft Attentäter in unseren Vorgarten zu lassen. Solch’ ignorante Hetze muss man sich von Politikern und Stimmungsmachern anhören und in Leitartikeln lesen. Menschen, die vor Terror flüchten, seien ganz grundsätzlich potenzielle Terroristen – nur weil sie nicht Gott, sondern Allah anbeteten.

«Wait a minute», das ist sogar für mich als scharfe Religionskritikerin an den Haaren herbeigezogen. Muslime bringen nicht Gewalt und Unheil in den Westen: Terroristen bringen Gewalt und Unheil in den Westen. Und genau vor diesen Tyrannen flüchten die Menschen. Sie kommen nicht in den EU-Raum, aufgeladen mit radikalen Ideologien, um Lehrerinnen die Hand zu verweigern.

Diese Menschen stehen vor der Grenze, weil sie vor Krieg und einer fundamentalistischen Haltung fliehen. Sie fliehen, damit sie ihre Töchter nicht als Gebärmaschinen an IS-Soldaten verlieren und ihre Söhne nicht gezwungen werden, in einen Kampf zu ziehen, der nicht der ihre ist. Sie fliehen, damit sie keine Handlanger des Terrors werden.

Religion darf nicht Gegenstand der Flüchtlingsdiskussion sein

Die antimuslimische Haltung verschiedener Politiker und Kommentarspalten-Faschisten ist rassistisch und passt nicht in eine aufgeklärte Gesellschaft. Die Religionszugehörigkeit darf nicht Gegenstand der Flüchtlingsdiskussion sein. Sie darf keine Rolle spielen, wenn es um Leid, Pein und Trostlosigkeit von Menschen geht.

Werde ich Zeugin eines Unfalls, frage ich die blutende Person am Boden nicht, ob sie an Allah glaubt oder die zehn Gebote. Leidet jemand, spielt es keine Rolle, was sein persönlicher Glaube ist – ich helfe dem Verletzten. Ich leiste Hilfe, weil ich Mensch bin und blind für religiöse Zugehörigkeit.

Wieso sollen wir uns etwas so Schönes und Reines wie Einfühlungsvermögen, Respekt vor der unantastbaren Würde des Menschen und Nächstenliebe vergiften lassen durch Ängste? Ich weigere mich, zuzulassen, dass mein Denken und meine Hilfsbereitschaft instrumentalisiert werden gegen Kriegsflüchtlinge.

Vor Gott sind wir alle gleich, evolutionsbiologisch sind wir alles Menschen, und fragt man einen Physiker, sind wir eine Ansammlung von Protonen, Neutronen und Elektronen. Und genau so sollte die Flüchtlingsdebatte geführt werden.