Kolumne
Gratis-Wasser und Beratung

Esther Girsberger
Esther Girsberger
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Die Skyline von Vancouver

Die Skyline von Vancouver

Thomas Schlittler

Während der Ferienzeit ist es beruhigend, zu hören, dass es dem Schweizer Tourismus besser geht. Weil der Schweizer Franken nicht mehr gar so hart ist und deshalb die Schweizer Preise für ausländische Gäste nicht mehr so hoch sind. So die Begründung, die uns eingetrichtert wird. Nicht, dass wir etwas dagegen hätten. Aber als Schweizer Familie, die ihre Sommerferien in Kanada verbracht hat, stösst diese passive Begründung unangenehm auf. In gutschweizerischer Manier wäre uns eine aktive Remedur nämlich viel lieber. Was durchaus möglich wäre.

Remedur-Vorschlag 1: Ein attraktiveres Velo-Verleihsystem

Die Schweizer Städte bringen es nicht zustande, ein besseres Velo-Verleihsystem aufzubauen. Nicht weiter erstaunlich, denn die Velo-Wege sind alles andere als problemlos. Vancouver, das doppelt so viele Einwohnerinnen und Einwohner hat wie Zürich, kann durchgehend mit dem Fahrrad erkundet werden. Anders als in Zürich beispielsweise, wo Verkehrsknotenpunkte zum absoluten Velo-Verkehrskollaps führen, kann Vancouver mit klar bezeichneten Velo-Fahrspuren auftrumpfen. Das gibt Sicherheit und dementsprechend beschwerdefrei und unbelastet bewegt man sich – auch als Tourist – getrost mit diesem Verkehrsmittel. Logisch, dass es auch ein einziges, sehr gut funktionierendes öffentliches Velo-Verleihsystem gibt. Man lädt sich die App auf das iPhone und kann alle paar hundert Meter ein mehrgängiges Fahrrad behändigen. Kein privater Verleiher käme auf die Idee, eine Konkurrenz aufzubauen. Die Stadt in British Columbia ist topografisch eher flach. Dennoch verfügen die Autobusse, die einem in die näher gelegenen Bergregionen führen, über Gestelle, welche die Fahrräder zu einem geringen Aufpreis mittransportieren. In der Schweiz hingegen ist nur schon der Transport von Fahrrädern durch die SBB eine äusserst komplizierte und kostspielige Angelegenheit.

Remedur-Massnahme 2: Kundenfreundliche Restaurationsbetriebe

In Vancouver kann man rund um die Uhr Restaurants mit verschiedensten Gastronomie-Ausrichtungen aufsuchen, die einem mittags um 12, nachmittags um 16 oder abends um 22.30 Uhr pikante Falafels, knackige Pizzen oder gartenfrische Salate servieren. Ungefragt begrüsst einen das Service-Personal äusserst freundlich mit frisch mit Wasser aufgefüllten Gläsern. Selbstredend kostenlos. In der Schweiz kostet das Wasser aus dem Hahn bis zu 5 Franken. Ohne Nachfüllgarantie.

Remedur-Massnahme 3: Ungefragte, äusserst wertvolle Beratung

Steigt man in Vancouver aus der Metro und will sich geografisch orientieren, um die eine oder andere in der Nähe gelegene Besucher-Attraktion aufzusuchen, wird man von einem netten Mann oder einer zuvorkommenden Frau «angehauen», der oder die sich anbietet, Auskunft zu geben. Gekleidet in einem T-Shirt mit dem Aufdruck «Ask me», käme niemand auf die Idee, dass diese Auskunftsperson betrügerische Absicht hegte. Innert Minuten steht man aufgrund der verständlichen Auskunft des Freiwilligenhelfers vor dem angepeilten Museum.

Remedur-Massnahme 4: Kreditkarten-Handhabung

Die Kreditkarte ist überall, wirklich überall, einsetzbar. Während in Zürich am international bekannten Theaterspektakel ausschliesslich bar bezahlt werden muss, kann in Vancouver sogar die öffentliche Toilette, sofern sie – äusserst selten – kostenpflichtig ist, mit der Kreditkarte bezahlt werden. Darüber hinaus fragt einem die Kredit-Maschine automatisch, ob man Trinkgeld entrichten will, und, falls ja, ob mit 10, 15, 20 oder 25 Prozent. Für die schweizerische Buchhalter-Mentalität sehr willkommen. Weiss man doch schon vor Erhalt der Quittung, wie teuer jetzt das Mittagessen, der Vergnügungspark, der Mountainbike-Trail oder die Kanu-Vermietung wirklich gekostet hat.

Fazit: Vancouver ist teuer, fast so teuer wie eine andere Stadt in der Schweiz. Aber es fällt einem bedeutend einfacher, das Geld auszugeben. Aufgrund der Service-Qualität, der Zuvorkommenheit und des Gefühls, ohne grosse Worte geboten zu bekommen, was man sich eigentlich wünscht. Liebe Schweiz: Willst du nicht lieber in die Offensive gehen, anstatt begründen zu müssen, warum du welche Dienstleistung so teuer – und sehr oft auch unfreundlich – anbietest?