Arbeitslosenquote
Gift für Sozial- und Rentenreformen

Offiziell beträgt die Arbeitslosenquote in der Schweiz zurzeit 3,6 Prozent, gemäss der Statistik des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco). Doch bildet sie wirklich die Realität ab?

Patrik Müller
Patrik Müller
Drucken
Teilen

Keystone

Die Zahl der über 55-Jährigen, die keine Stelle haben, ist gestiegen. Und zwar stärker, als die offizielle Arbeitslosenstatistik vermuten lässt, die Monat für Monat veröffentlicht wird. Denn diese erfasst das Problem der älteren Erwerbslosen nicht vollständig, wie der Arbeitsmarkt-Chef des Bundes in unserem Interview einräumt: Offenbar haben viele Betroffene Hemmungen, bei den Arbeitsvermittlungszentren registriert zu bleiben, wenn sie ausgesteuert werden. Dann fallen sie aus der Statistik, was das Bild verfälscht.

Umso dringender ist der Handlungsbedarf. Dass die Jugendarbeitslosigkeit sozialen Sprengstoff birgt, zeigt sich insbesondere in südlichen EU-Ländern, wo 30 bis 50 Prozent der Jugendlichen arbeitslos sind. Dort wächst eine verlorene Generation heran. In der Schweiz hat die Politik dieses Problem seit längerem erkannt: Es gibt wirksame Programme, und dank dem dualen Bildungssystem ist die Schweiz zum Vorbild anderer Länder geworden. Das ist gut. Doch Bundesrat, Parlament und vor allem die Unternehmen sollten mit derselben Entschlossenheit auch die Ü-50-Arbeitslosigkeit bekämpfen.

Nicht nur für jüngere, auch für ältere Menschen hat es schwere Folgen, länger keinen Job zu haben – die Rente beispielsweise fällt dann lebenslang tiefer aus. Schafft es die Schweiz nicht, den Älteren bessere Job-Perspektiven zu bieten, wird sich das politisch rächen: Ein höheres Rentenalter, tiefere Umwandlungssätze und weitere Sparmassnahmen bei den Sozialwerken, die eher früher als später notwendig sind, werden dann in Volksabstimmungen keine Chance haben.

patrik.mueller@azmedien.ch

Aktuelle Nachrichten