Analyse
Gewaltverzicht beschlossen – dann eine Familie verbrannt

In seiner Analyse zur «Stunde null» von Nicaragua stellt sich Autor Max Dohner die Frage: Gewinnt die Barbarei oder die Vernunft?

Max Dohner
Max Dohner
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Familienmitglieder und Freunde trauern um einen fünf Monate alten Buben, der bei einem Brandanschlag starb.

Familienmitglieder und Freunde trauern um einen fünf Monate alten Buben, der bei einem Brandanschlag starb.

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Kippt der Horror nun vollends in Barbarei? Oder denkt endlich mal einer nach? Die Spirale des Blutes führt meist zu mehr Blut. Um sie zu stoppen, muss man in der finsteren Logik einen Schritt zurückgehen. Das versucht gerade Nicaragua. Ein Land, das weit weg von uns liegt, das aber erneut Lehren bieten kann, was in extremen Lagen mit einer Gesellschaft geschieht. Und was notwendig ist, um die Bestie Mensch im Menschen zu zähmen (herausoperieren lässt sie sich nicht): die Freiheit, nicht Zwang. Noch hält sich beides die Waage im Land. Sein Schicksal steht auf der Kippe, eben jetzt. Viele bezeichnen es als «Stunde Null».

In Nicaragua hat es am Samstag bei Unruhen erneut zahlreiche Tote gegeben - und dies, obwohl zwischen den Konfliktparteien ein Gewaltverzicht vereinbart worden war.

In Nicaragua hat es am Samstag bei Unruhen erneut zahlreiche Tote gegeben - und dies, obwohl zwischen den Konfliktparteien ein Gewaltverzicht vereinbart worden war.

KEYSTONE/EPA EFE/JORGE TORRES

Am Wochenende kam es zu einem bisher beispiellosen Horror: In Managua wurde die Familie Pavón Muñoz in ihrem Haus eingeriegelt und bei lebendigem Leib verbrannt. Darunter zwei Kinder, fünf Monate und zwei Jahre alt. Die mutmasslichen Täter sind Vermummte im Dienst des Regimes, sogenannte para-polizeiliche Kräfte, denen die Polizei freie Hand lässt. Offenbar auch in diesem Fall. Natürlich beschuldigen sich beide Seiten gegenseitig der Tat, Regierung und Opposition. Mit dem Unterschied, dass gewichtige Zeugen die Version der Opposition stützen, während die Regierung lediglich Behauptungen aufstellte.

Die Leitung der städtischen Feuerwehr, Nachbarn und Familienangehörige beschuldigen übereinstimmend die Todesschwadronen der Regierung. Ein Video, aufgenommen von gegenüber unmittelbar vor dem Vielfachmord, zeigt Vermummte, begleitet von passiver Polizei. Die Familie, sagen Nachbarn, habe sich geweigert, dass die Vermummten einen Scharfschützen postierten im oberen Stock. Solche Snipers sorgten wiederholt für einen hohen Blutzoll bei den Protesten der Bevölkerung.

Die Regierung in Nicaragua soll Pestizide gegen Demonstranten eingesetzt haben.

Die Regierung in Nicaragua soll Pestizide gegen Demonstranten eingesetzt haben.

KEYSTONE/EPA EFE/BIENVENIDO VELASCO BLANCO

Kurze Zeit danach griff das Fanal augenscheinlich auf die Gegenseite über. Im Barrio Carlo Marx, in der Nähe des Brandanschlags auf die Familie, wurden gleichentags zwei Männer auf der Strasse mit Benzin übergossen und verbrannt. Eine Gruppe Jugendlicher filmte den einen Mord mit dem Handy; man hört dazu johlende Stimmen. Eines der Opfer war Francisco Arauz Piñeda, ein ehemaliger Kämpfer der machthabenden Partei FSLN. Die Männer hätten versucht, heisst es vonseiten der Regierung, Barrikaden wegzuräumen. Die Opposition bezeichnet sie als infiltrierte Spitzel.

Die Barbarei hüben wie drüben gerät ausser Kontrolle. Kommt in diesen Tagen niemand zur Besinnung, steht das Land vor dem Abgrund. Seit sechzig Tagen halten die Kämpfe an; 178 Tote (eingeschlossen die 8 Brandopfer vom Wochenende) hat der landesweite Protest bisher gekostet. Eine Zahl, die alle seriösen spanischsprachigen Medien nennen. Sie beruhen auf Angaben von unabhängigen Menschenrechtsgruppen und auf einem aktuellen Bericht von Amnesty International. Darin finden sich auch zahlreiche Belege und Fotos von bewaffneten, para-polizeilichen Schergen.

Kardinal Leopoldo Brenes (M) liest die gemeinsame Erklärung zur Beendigung der Gewalt in Nicaragua vor.

Kardinal Leopoldo Brenes (M) liest die gemeinsame Erklärung zur Beendigung der Gewalt in Nicaragua vor.

KEYSTONE/AP/ALFREDO ZUNIGA

Diese Banden im Auftrag der Regierung sind alles andere als eine neue Erfindung. Schon kurz nach dem Sturz von Diktator Somoza 1979 bauten die Sandinisten solche Paramilitärs auf, um Kritiker einzuschüchtern. Vor allem an den Universitäten. Sie wussten, dass in den Universitäten die Revolution am meisten Zulauf gefunden hatte; nun sollte ihnen nicht das Gleiche passieren.

Das funktionierte so: Fand irgendwo eine Veranstaltung von Kreisen statt, die nicht der FSLN angeschlossen waren, schickte die Regierung Horden auf IFA-Militärlastwagen aus ostdeutscher Produktion, um die Veranstaltung niederzubrüllen und wenn nötig auseinanderzuprügeln. Der Mitbegründer der FSLN und frühere Innenminister Tomás Borge (1930–2012), ein bizarrer Hobbydichter wie die jetzige Vizepräsidentin Rosario Murillo, nannte diese «Turbas» noch «göttliche Horden». Die Banden überrannten ein Universitätsgelände und schrien in alle Hörsäle: «Wer nicht sofort an Ort und Stelle springt, ist ein Konterrevolutionär!» Und alle, Studenten, Professoren und Dekane, hüpften an Ort und Stelle – ein Bild grotesker Demütigung.

Im Unterschied zu damals sind die Höllenhorden heute bewaffnet und schiessen gezielt ins Volk. Dessen Aufruhr hat das Präsidenten-Duo kalt erwischt. Umso brutaler schlug es zurück. Zwar griff der Protest im April von den Ohnmächtigsten und Mittellosen, den Pensionären, auf die Studenten über, also wie gehabt. Aber eben nicht auf jene, die nach Einschätzung der Regierung am anfälligsten waren, allen voran die Studenten der UNAN. Sondern eine bis anhin als apolitisch geltende Akademie, die Polytechnische Universität Managua, wurde über Nacht zum Hauptquartier.

Überhaupt gleichen – auf ersten Blick – viele Bilder heute jenen Heldenfotos vom Aufstand gegen die Diktatur der späten Siebzigerjahre. Manchmal fast zum Verwechseln. Ein «Setting» der Geschichte voll bitterer Ironie, gäbe es tatsächlich eine Choreografie wiederkehrender Abläufe. Diktator Somoza hatte ein Vermögen gemacht mit Pflastersteinen aus Baufirmen, an denen er beteiligt war.

Mit diesen Steinen errichteten die Sandinisten während der Stadtguerilla erfolgreich Barrikaden. Und nun klauben die jungen Protestkämpfer die Steine erneut von der Strasse und wehren sich gegen den «Linksdiktator» Ortega und seine «Hexe». «Ihr habt es vorgemacht», höhnen sie, «das Material taugt vorzüglich». Im Unterschied zu den Sandinisten damals werden sie heute indes nicht versorgt mit Waffen aus Kuba. Es bleibt bei Steinen, Molotowcocktails und selbst gebastelten Mörsern. Auch im Unterschied zu damals schaut der Westen jetzt kaum nach Nicaragua. Eine «internationale Solidarität» mit den Studenten wie 1979 ist nicht einmal der Spur nach auszumachen.

Der Aufstand erfasste das ganze Land. Darunter León und Monimbo, zwei zu Heldenbezirken der Revolution stilisierte Städte bzw. Stadtviertel. Aber auch bisher ruhige Städte wie das erz-katholische bürgerliche Granada, Mekka des Tourismus in Nicaragua, eine der Haupteinnahmequellen, inzwischen nahezu versiegt. Da sind die Barrikaden nicht nur geschmückt mit der Nationalflagge, sondern auch mit kitschigen Statuetten der Jungfrau Maria. Überall im Land bezeichnet sich die Jugend als «Patrioten». Die Revolte gegen das Präsidentenpaar ist durchtränkt von einem Nationalismus alter Prägung, als gelte es noch immer – wie bei General Augusto C. Sandino –, sich von fremden Hegemonie-Einflüssen zu befreien. Schon mit Anflügen von Ideologie kann man Nicaraguas Jugend heute jagen.

Optimistisch: Nicaraguas Präsident Daniel Ortega mit seiner Frau Rosario Murillo. (Archiv)

Optimistisch: Nicaraguas Präsident Daniel Ortega mit seiner Frau Rosario Murillo. (Archiv)

KEYSTONE/AP/ESTEBAN FELIX

Die Opposition fordert den sofortigen Rücktritt von Daniel Ortega und Rosario Murillo. Danach Neuwahlen. Am Wochenende beschloss ein «runder Tisch», nur Stunden vor dem Brandanschlag auf eine ganze Familie, auf Gewalt zu verzichten. Ausländische Beobachter sollen helfen, die Todesfälle aufzuklären und die nötigen Strukturen zu schaffen für Neuwahlen (Verfassungsänderung). Ob Ortega Hand bietet zu vorgezogenen Neuwahlen im März 2019, ist ungewiss. Vermutlich will er Zeit gewinnen, um die Machtschrauben noch enger zu drehen. Vorgezogene Wahlen aber wären das Minimum politischer Klugheit.

Im Schatten der Unruhen treiben Nacht für Nacht auch kriminelle Banden ihr Unwesen, rauben, plündern, brandschatzen. Wer immer die Anarchie für politische Zwecke begünstigt, nimmt das Leiden der Bevölkerung in Kauf. Die Preise steigen. Erste Nachrichten von Hunger kursieren. Daniel und Rosario haben genug gerafft: Nun packt die tausend Beutekoffer und zischt endlich ab ins Exil von Caracas.