Analyse
Gegrapscht wird oft anders

Übergriffe gegen Frauen sind nach Köln ein grosses Thema. Die Analyse - aus Frauensicht.

Flurina Dünki
Flurina Dünki
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Sexuelle Belästigung: Opfer können wie gelähmt sein. (Symbolbild)

Sexuelle Belästigung: Opfer können wie gelähmt sein. (Symbolbild)

Keystone

Am Wochenende berichteten mehrere Schweizer TV-Sender, Frauen würden vermehrt Kampfsport-Kurse besuchen, um sich auf der Strasse gegen Zudringlichkeit zu wehren. Das nach den Übergriffen an Silvester in Köln und anderswo. Aber wo – oder wie – beginnt ein sexueller Übergriff? Die Frage weckt zunächst eine ungute Erinnerung:

Als ich das Kitzeln auf meinem Arm spürte, dachte ich, eine Fliege hätte sich in den Bus verirrt. Ich war benommen von der staubigen Hitze und vom holprigen Umfahrungsweg, den der Chauffeur eingeschlagen hatte, wegen der Strassenblockaden einer Gruppe Streikender. Als es auf meiner Haut abermals kitzelte, merkte ich, dass es ein Handrücken war, der mich berührte. In Bolivien dienen viele notdürftig umgebaute Toyota-Kleinbusse als Nahverkehrsmittel. Die Doppelsitze sind eng berechnet, Körperkontakt ist unvermeidbar.

Ein Abrücken meinerseits in Richtung Fenster war zwecklos. Mittlerweile krabbelte es auch nicht mehr am Arm, sondern oberhalb meiner Taille, unter meinem T-Shirt. Spätestens da hätte ich den smart wirkenden Geschäftsmann zu meiner Rechten als Grapscher identifizieren und umgehend handeln müssen. Möglichkeiten, um zu handeln, gabs genug: Ein lautes Wort, eine Geste hätten genügt, um den Aggressor zu entlarven und vor allen Passagieren zu beschämen. Meine Mitfahrer hätten ihn zudem ganz nach ihrer Gewohnheit mit Gemüse und Holzscheiten aus ihren Marktbeuteln beworfen.

Zu nichts dergleichen konnte ich mich entschliessen. Mein ganzer Körper war wie versteinert. Selbst nach wiederholter Berührung redete ich mir ein, es handle sich um unabsichtliche zufällige Kontakte. Es dauerte endlose Minuten, bis ich mich aus der Starre lösen und mich auf einen anderen Platz setzen konnte.

Nicht nur mein europäischer Hintergrund – das Selbstverständnis einer emanzipierten Europäerin – machte dieses Erlebnis zur Schmach. Vielfach gesteigert wurde es noch dadurch, dass ich als Entwicklungshelferin für Gewaltprävention einen gewissen Status hatte. Umso tiefer stürzte mich das Erlebnis in Selbstzweifel.

War ich es etwa nicht, die Kindern, Jugendlichen und Frauen predigte, sich gegen jede Form von Angreifern zu wehren? Die Täter anzuzeigen, auch wenn deren Attacken in noch so subtiler Form erfolgten? Vor allem sexuelle Gewalt tritt in ihrem Anfangsstadium sehr häufig kaum bemerkbar auf. Die langsame Steigerung der Angriffe verleitet das Opfer – und meist auch das Umfeld – den jeweils nächsten Schritt immer noch zu bagatellisieren. Wurde mit dieser Taktik ein alarmierender Grad des sexuellen Missbrauchs erreicht, dann, glaubt die Geschädigte, habe sie sich schon derart viel gefallen lassen, dass sie aus lauter Scham zur Tat schweigt.

Tatsächlich ist psychologisch erwiesen, dass der Überraschungseffekt und die Scham über die irrtümliche Annahme, den Vorfall selber provoziert zu haben, Auslöser sind für die typische Lähmung der Opfer in einer solchen Lage. Zahlreiche sexuelle Aggressionen – auch verbale – wirken von aussen zunächst nicht zwingend unangenehm. Anstatt Geschädigte zu verstehen, werden sie darum meist im Gefühl bestätigt, den Übergriff selber provoziert und vielleicht sogar genossen zu haben. Wegen des unspektakulären und irreführenden Ablaufs ist diese häufigste Art sexueller Gewalt den Medien kaum eine Erwähnung wert. Ausserdem würden viele Täter von den Leserinnen und Lesern am Ende wohl noch verteidigt.

Nur der gefährliche Unbekannte, der eine wehrlose Frau aus dem Nichts angreift, erhält die Aufmerksamkeit von Justiz und Medien und somit auch des Publikums. Tatsache ist jedoch, dass dies die seltenste Form ist, wie ein Sexualdelikt begangen wird. Es sind die wiederkehrenden, anfangs kaum den Tatbestand erfüllenden Handlungen von Verwandten, Zufallsbekannten oder Arbeitgeberinnen, die den grössten Teil der Übergriffe bilden. Sexuelle Gewalt entsteht primär aus dem Verlangen, Macht über die Zielperson zu haben. Darum tritt sie auch weltweit in Erscheinung. Nur die Art der Tat und die spezifische Gelegenheit dazu hängen jeweils ab vom soziokulturellen Hintergrund. Eine Nachwirkung haben alle unerwünschten Berührungen, egal, ob sie blaue Flecken oder äusserlich kaum eine Spur hinterlassen.

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