Gastkommentar
Pestizide in der Landwirtschaft – wie weiter?

Heute wird jeder Landwirtschaftsbetrieb in der Schweiz im Schnitt mit 68'000 Franken pro Jahr direkt mit Steuergeldern unterstützt. Da werden negative Auswirkungen auf die Umwelt zwangsläufig zum gesellschaftlichen Thema. Deshalb stellt sich die Frage: Kann unsere Landwirtschaft auf Pestizide verzichten?

Robert Obrist
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Der Verzicht auf die Anwendung synthetischer Pflanzenschutzmittel fordert die Landwirtschaft heraus.

Der Verzicht auf die Anwendung synthetischer Pflanzenschutzmittel fordert die Landwirtschaft heraus.

Keystone

Ungefährlich – oder doch nicht?

Dank moderner Analytik können heute auch geringe Verunreinigungen des Grundwassers mit Pflanzenschutzmitteln und ihren Abbauprodukten erfasst werden. Bei der Beurteilung der Gefährlichkeit dieser Substanzen gibt es grundsätzlich zwei Möglichkeiten. Sie kann aufgrund der Giftigkeit für den Menschen erfolgen. Aus dieser Sichtweise kann heute Entwarnung gegeben werden. Anders sieht es aus, wenn grundsätzlich erwartet wird, dass Wasser frei von Belastungen mit naturfremden Substanzen sein soll. Dieses Vorsorgeprinzip vertrete ich. Dies, weil die Beurteilung der Gefährlichkeit dieser Substanzen schwierig ist und nicht selten revidiert werden muss. Zudem alarmieren Phänomene wie das Insektensterben und die Auswirkungen von Pestiziden auf empfindliche (Wasser-)Organismen in Oberflächengewässern.

Zur Person

Robert Obrist
Aargauer Zeitung

Robert Obrist

Grossrat der Grünen und Agronom mit Abschluss in der Fachrichtung Pflanzenbau

Entwicklungen verpasst

Beim Einstieg ins Berufsleben als junger Agronom vor mehr als 30 Jahren war ich fasziniert von den Möglichkeiten des «integrierten Pflanzenschutzes». Nebenwirkungen von Pflanzenschutzmitteln, insbesondere Beeinträchtigungen von Nützlingen, wurden erforscht, neue Verfahren des Pflanzenschutzes entwickelt und die zentrale Bedeutung der Fruchtfolge wiederentdeckt. Das Ziel war, die Bäuerinnen und Bauern von der Anwendung starrer Spritzpläne wegzubringen und ihnen mehr Selbstverantwortung, aber auch mehr Risikobereitschaft zu übertragen. Es herrschte eine Aufbruchstimmung, insbesondere bei jungen Landwirtinnen und Agronomen. Die Konsequentesten unter ihnen haben sich schon damals dem Biolandbau zugewandt. Die Mehrheit aber hat sich bis heute von der Abhängigkeit von chemisch-synthetisch hergestellten Pflanzenschutzmitteln nicht befreit.

Landwirtschaft ohne synthetische Pestizide?

Heute wird jeder Landwirtschaftsbetrieb in der Schweiz im Schnitt mit 68'000 Franken pro Jahr direkt mit Steuergeldern unterstützt und viele profitieren zusätzlich von einem starken Grenzschutz. Da werden negative Auswirkungen auf die Umwelt zwangsläufig zum gesellschaftlichen Thema. Deshalb stellt sich die Frage, ob unsere Landwirtschaft auf diese Hilfsmittel verzichten kann.

Die Betriebsleiterinnen und Betriebsleiter der Landwirtschaftsbetriebe sind gut ausgebildet. Seit der letzten Berufsbildungsreform werden Ökologie, Biodiversität und die Prinzipien einer nachhaltigen Landwirtschaft in der Grundbildung aber vernachlässigt. Grünland und damit die meisten landwirtschaftlich genutzten Flächen der Schweiz werden heute weitgehend ohne Einsatz von Pestiziden bewirtschaftet. Trotz der in den letzten Jahren weitergetriebenen Spezialisierung werden auf den meisten Ackerbaubetrieben vielfältige Fruchtfolgen betrieben. Zudem halten viele Betriebe Tiere. Wo Tierhaltung und -zucht auf den Betrieb ausgerichtet ist, muss kein oder nur wenig Futter zugekauft werden.

Konsequent statt extrem!

Der Verzicht auf die Anwendung synthetischer Pflanzenschutzmittel fordert die Landwirtschaft heraus. Mit angemessenen Übergangsfristen und einer stark ausgebauten, praxisgerechten landwirtschaftlichen Forschung schafft sie das. Allerdings muss sie sich dazu den Anliegen der Gesellschaft öffnen, ihre Abwehrhaltung aufgeben und Initiativen entwickeln, oder unterstützen. Wie in anderen Bereichen sind Jahrzehnte ungenutzt vergangen. Das hat zur Folge, dass Umweltbelastungen und -schäden jetzt rasch eliminiert werden müssen. Private Anwender und Betreiber von Schienenverkehr können und müssen mitmachen, auch sie werden das schaffen! Packen wir’s an, noch dieses Jahr, statt in ferner Zukunft. Mit zweimal Ja am 13. Juni!