USA
Ganz einfach und legal zu Drogen

In den USA herrschte eine Drogenepidemie. Die Folgen wegen der Sucht nach Medikamenten sind gravierend. Die Kolumne von Milena Moser.

Milena Moser
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Medikamente als Suchtmittel. (Symbolbild)

Medikamente als Suchtmittel. (Symbolbild)

KEYSTONE/GAETAN BALLY

Amerika hat mehr Probleme als diese Zeitung Seiten. Eines davon ist mir letzte Woche empfindlich nahe gerückt: die Suchtmittelepidemie. Die weitverbreitete Abhängigkeit von rezeptpflichtigen Schmerzmitteln, die grosse Teile Amerikas lahmlegt, kriminalisiert und umbringt. Neue Studien zeigen erschreckende Resultate: 2016 starben mehr Menschen an einer Überdosis als in einem Autounfall, 59 000 versus 40 000. Bei den unter 50-Jährigen sind Opioide jetzt die häufigste Todesursache. Die Erwerbsquote ist auf ein 40-jähriges Tief gesunken, und zwar nicht wegen «dieser Immigranten, die unsere besten Jobs stehlen», sondern weil viel zu viele Amerikaner die in den meisten grösseren Firmen obligatorischen Drogentests nicht mehr bestehen. Zehn Prozent der erwerbsfähigen Bevölkerung scheitert daran. 95 Millionen Patienten wurden im letzten Jahr diese schwer abhängig machenden Schmerzmittel verschrieben.

Zur Person

Schriftstellerin Milena Moser zog 1998 mit ihrer Familie für acht Jahre nach San Francisco. Zuück in der Schweiz, gründete sie eine "Schreibschule". 2015 zog sie erneut in die USA, diesmal nach New Mexico.

Und eine davon ist meine Freundin Liz. Die frühere Orchesterschlagzeugerin verdiente sich jahrelang ein Zugeld als Chemielaborantin. Doch das stundenlange Stehen, über ein Mikroskop gebeugt, fiel ihr zunehmend schwerer. Sie versuchte es mit Yoga und mit Tigerbalsam, mit Ibuprofen und mit Eisbeuteln. Finanziell nicht auf Rosen gebettet und dementsprechend schlecht versichert, dauerte es Jahre, bis sie eine Diagnose hatte: Polyarthritis. Und weitere Jahre, bis sie endlich arbeitsunfähig geschrieben wurde. Das heisst, der Papierkrieg zog sich über Jahre hin, die eigentliche, entscheidende ärztliche Untersuchung dauerte fünf Minuten:

«Ich musste mich auf den Boden legen und versuchen, eine Rumpfbeuge zu machen», erzählte sie. «Unmöglich. Dann drehte sich der Versicherungsarzt um und sagte, ich könne jetzt aufstehen. Als ob ich ohne Hilfe vom Boden hochkäme! Aber das war natürlich eine Fangfrage ...»

Liz hat den Test bestanden und erhält seither 1800 US-Dollar im Monat. Zum Sterben zu viel, zum Leben zu wenig. Sie ist aus dem teuren San Francisco weg nach Pennsylvania gezogen, wo sie niemanden kennt. Arbeiten darf sie auch nicht. Aber sie spielt ab und zu gratis in einem Musicalorchester. Einfach damit sie trommeln kann.

Grosszügig ist der Staat dafür mit Medikamenten. Zusätzlich zu den Schmerzmitteln wurde ihr auch ein Beruhigungsmittel – gegen Existenzangst? – verschrieben. Wie gefährlich die Kombination von Opioiden und Benzodiazepinen ist, merkte sie erst, als in ihr Haus eingebrochen und ihre Medikamente gestohlen wurden. Der Kassenarzt weigerte sich, das Rezept zu erneuern, wegen der Abhängigkeitsgefahr. Innert zweier Tage wurde sie mit epileptischen Anfällen in der Notaufnahme eingeliefert. Lebensgefährliche Entzugserscheinungen, hiess es dort. «Wissen Sie nicht, dass Sie die Medikamente nicht einfach so absetzen dürfen?»

Wohlgemerkt, Liz hat nie mehr als die verschriebene Dosis eingenommen. Sie gehört nicht zu den Hunderten von Tausenden von Patienten, die immer mehr Mittel benötigen, die ihre Rezepte fälschen, bei diversen Ärzten und Kliniken eingetragen sind, Medikamente auf der Strasse kaufen oder gleich auf Heroin umsteigen. Sie wusste nicht einmal, dass sie abhängig ist.

«Ich hab nur festgestellt, dass ich immer träger werde, immer depressiver. Manchmal komme ich tagelang kaum vom Sofa hoch – warum auch? Ich kann kaum mehr Musik machen und ich habe immer Schmerzen.»

Ja. Sie hat immer noch Schmerzen. Diese gefährlichen Mittel bringen nicht einmal Erleichterung. Liz will so schnell wie möglich von ihnen loskommen. Doch so ein Entzug, das hat sie gerade erlebt, ist gefährlich, oft tödlich. Man darf ihn nur unter ärztlicher Aufsicht und wenn möglich stationär ausführen. Aber das bezahlt die Krankenkasse nicht. Sie bezahlt nicht einmal einen Spezialisten, der die Medikamente wenigstens besser einstellen könnte. Das Einzige, was die Krankenkasse ihr problemlos weiterhin verschafft, sind ebendiese Medikamente. In der Menge und Kombination, die ihr erwiesenermassen schweren Schaden zufügen. Wie heisst es noch mal im Eid des Hippokrates? «Ich werde niemandem, auch nicht auf seine Bitte hin, ein tödliches Gift verabreichen.»

«Was kann ich tun?», frage ich.

«Nichts.»