Trump zu Kuba
Für nichts in die Pedale treten

Donald Trump nahm in Miami die "Wende" zurück von Barack Obama. Wem hilft das?

Max Dohner
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Kubaner müssen sich meist selber helfen.

Kubaner müssen sich meist selber helfen.

Aargauer Zeitung

Im Bici-Taxi liegt man wie ein flügellahmes Huhn in einem Korb. «Bici», ausgesprochen wie das «Bisi», ist die Verkürzung von «Bicicleta», Velo. Eines mit Sitzkorb. Das Ganze wird so zum Taxi mit Pedalen – ein schweisstreibender Job. Wie jede Büez in Havanna, womit arme Teufel Tag für Tag das Überleben bestreiten. Das weisse Huhn ist die bevorzugte Beute des Bici-Fahrers, ein Tourist. Lange war es nicht erlaubt, Touristen per Velo zu kutschieren. Daher passte sich der Preis jeweils nach oben an. Eine Win-win-Situation auch für den Touristen: Er konnte im Bici-Taxi die Wegelagerei der staatlichen Auto-Taxis äusserst günstig umschaukeln.

So lag auch ich mal im Fangkorb eines Bici-Taxis, das mich den Paseo Martí runterführte. Da gondelt man an einer illuminierten Prachtsreihe vorbei: Luxushotel nach Luxushotel, jedes mit Pool, meist auf dem Dach, alle in altehrwürdige Palais gezogen, hoch umzäunt, unüberwindbar für einheimische Pedaleure. Hinter den Gittern tummelten sich weisse Walrösser in blauen Pools, nuckelten an Cocktails und gafften nach draussen; wir gafften durch die Stäbe des Paradies-Geheges auf die Walrösser. Und schlagartig wurde allen klar: Wir gafften gemeinsam exotische Tiere an im Zoo. Aber erst der Umstand, dass dabei immer unklar war, wo der Zoo lag, draussen oder drin, machte die Szene surreal.

Das war bis vor drei Jahren das Bild für Kuba: ein grotesker Zoo. Dann kam die «Wende» durch Obama. Und das bedeutete: Seit den 50er-Jahren öffnete erstmals wieder eine US-Botschaft. Im Gefolge Obamas tummelten sich bei seinem Besuch mehrheitlich Geschäftsleute. Also bedeutete die «Wende» auch: mehr Dollars, mehr Besucher auf mehr Flugzeugen und Kreuzfahrtschiffen. Und jetzt der Clou: Für unseren Pédaleur der Verzweiflung änderte sich gar nichts. Wo blieb für ihn die verfluchte «Wende»?

Und das ist immer noch nicht die eigentliche Pointe: Die kommt erst jetzt, mit Präsident Donald Trump. Er verkündete Ende letzter Woche die «Wende» von der «Wende». Nicht ganz zurück in den Kalten Krieg, obwohl Russland in einer ersten Reaktion das so interpretierte. Sicher aber zurück ins Kühlfach. Die US-Botschaft in Havanna bleibt offen, die bisher geknüpften Geschäftsbande werden nicht angetastet.
Beschränkt werden allzu direkte Businesskontakte mit den kubanischen Militärs und die Zahl privater Besucher aus den USA. Wie gehabt, müssen die fortan wieder eine Kubareise unter dem Heuchellabel «Bildungsurlaub» buchen – heisst: über kubanische Tourismusunternehmen wie Gaviota, Habaguanex bzw. Gaesa oder Cimex. Gaviota betreibt 62 Hotels und schöpft 40 Prozent aller internationalen Besucher ab. Gaesa führt 30 Retail-Shops. Cimex vermietet zu Wuchertarifen chinesische Automühlen. Alle diese Firmen kontrolliert ein Arm: der bewaffnete Friedensarm des kubanischen Militärs.

Kein Wunder, dröhnen die Dandysöhne der Offiziersbonzen durch die Quinta Avenida mit neuen italienischen Töffs, hinten drauf ein Teenie in Silber-Hotpants. Sie können sich die Partys leisten, wo Ausländer herumgammeln, Rock- und Fashion-Nudeln. Studentinnen, die für zwanzig Franken im Monat nicht hart durchs Leben pedalen wollen, gehen besonders schmuck an Partys in Playa, traditionell das Viertel staatsprivilegierter Künstler: mit einer Halskette aus lauter Kondomen. «Da gab es alles«, erzählt die Studentin, «ich meine wirklich alles.» Da herrschte seit Obama wieder Stimmung wie im Kasino-Kapitalismus der 50er-Jahre, nur ohne Kasino.

Die Heuchelei Trumps betrifft die politische Implikation seines Kurses. Die härtere Gangart gelte so lange, sagt er, bis die Kubaner «freie und faire Wahlen» bekämen. Das war immer schon der Gedanke gewesen hinter der langen nutzlosen Wirtschaftsblockade. Unter Geschäftsleuten geniessen Kubas Militärs einen tadellosen Ruf. Nur sie beherrschen das Firmen-Management. Nur sie zahlen jeden Dollar pünktlich zurück (wie andere sozialistische, von US-Reaktionären über den Klee gelobte Geschäftspartner, etwa die Sandinisten in Nicaragua). Trump geht es nicht um die armen unfreien Kubaner. Er pokert abermals relativ risky für einen besseren Deal. Unseren Pédaleur der Verzweiflung hat niemand auf der Rechnung. Der ist wirklich allen schnuppe – den Amerikanern, die sich in Kuba von neuem präpotent aufführen wie in ihrem «Hinterhof». Und der Militär-Kamarilla von Kuba, die sich mit den «Yuma» aus dem Norden die bereits gepuderte Nase noch vergolden wollten.

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