Kolumne
Fragen, was Europa tun will

Zum Thema Gewalt und Terrorismus in Europa

Susanne Wille
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Susanne Wille

Susanne Wille

AZ

Billiges «soda bread» aus dem Supermarkt in der einen, das Buch in der andern Hand. Brendan Behan, «Die Bekenntnisse eines irischen Rebellen».
Ich reiste 1993 mit dem Fahrrad durch Irland, weil ich für meine Maturaarbeit in jugendlichem Leichtsinn den «Einfluss der irischen Geschichte auf die irische Literatur» als Thema gewählt hatte. Ich fotografierte die Büsten der Grossen: Samuel Beckett. James Joyce. William Butler Yeats. Besonders aber interessierte mich dieser Dramatiker Brendan Behan. Er war als Jugendlicher Aktivist der IRA, der Irisch Republikanischen Armee, welche die Unabhängigkeit von Grossbritannien mit Terroranschlägen durchsetzen wollte. Ich wollte das Phänomen IRA verstehen. Zumal die IRA ja nicht die einzige Gruppe war, die früher in Europa Angst und Schrecken verbreitete. ETA, RAF, Ordine Nuovo und wie sie alle hiessen.

Sich mit dem Bösen befassen, um es einordnen zu können.

An diese Episode aus meinem Leben erinnere ich mich zurück. Denn Bluttaten sind wieder aktuell. Buchstaben, wie IRA, die für Gewalt standen, werde von ganzen Ortsnamen abgelöst. Würzburg. Nizza. München. Ansbach. Reutlingen. Saint-Étienne-du-Rouvray. Nicht überall können wir von Terror reden, überall aber von sinnlosem Töten, das derzeit Europa entsetzt. So oder so wird diesen Sommer so schnell niemand vergessen. Auch mir als Journalistin wird er bleiben. Als Newsmensch sehe ich viel. Zu viel. Ich sehe Bilder und Videos, die kein TV- Zuschauer je sehen sollte. Ich habe mich mit dem Bösen zu befassen, um es einordnen zu können. Es wäre einfach, bei den vielen Schreckensmeldungen abzustumpfen, um sie besser zu ertragen. Doch das wäre feige. Allen direkt Betroffenen gegenüber. Und: Ich weigere mich, mich an den Terror zu gewöhnen. Darum trösten mich auch jene nicht, die sagen, die Blutspur des Terrors sei in Europa vor der Jahrtausendwende doch viel grösser gewesen. Es seien damals pro Jahr mehr Menschen bei Anschlägen gestorben als heute. Nein, dieser Vergleich hinkt. Dass IRA & Co den Kontinent mit Terrorakten erschütterten, soll Geschichte bleiben und nicht aktuelle Brutalität relativieren. Dazu ist Geschichte nicht da. Geschichte soll helfen, die Gegenwart besser zu verstehen. Wer sich aber der Geschichte bedient, um Ungeheuerliches kleiner zu reden, missbraucht sie. Kein Mord der IRA macht einen Mord des IS akzeptabler. Darum trösten mich auch jene nicht, die sagen, wir müssten uns nun halt einmal von unserem Europa, so wie wir es kennen, verabschieden. In Israel seien Sicherheitskontrollen oder Metalldetektoren im Alltag auch längst Normalfall. Jetzt schon zu behaupten: Es ist, wie es ist, wir müssen damit leben: Auch das wäre feige. Sich so früh an den Terror zu gewöhnen, heisst auch, ihm zum Sieg zu verhelfen, heisst, uns selbst irgendwie handlungsunfähig zu machen.

Wir müssen uns bemühen, dem Terror zu trotzen

Ich möchte zuerst wissen, was Europa zu tun gedenkt. Hier liegt die eigentliche Herausforderung. Und da müssen wir Medienleute uns erneut selbstkritisch eingestehen: Es ist schwieriger, Lösungsversuche zu finden, als in den lauten News-Chor einzustimmen. Natürlich ist es primär die Politik, die Antworten finden muss. Doch es ist an uns Medienschaffenden, mögliche Auswege zu skizzieren, differenziert zu bleiben, das Thema so darzustellen, dass die Öffentlichkeit dafür sensibel und aufnahmewillig bleibt. Bemühungen, dem Terror zu trotzen, gibt es allemal: Da ist der Politologe Asiem El Difraoui, der Gegenstrategien gegen die Rekrutierung von jungen Terrorgehilfen im Netz sucht. Da ist die Psychiaterin Anne Speckhard, die Videos von IS-Deserteuren veröffentlicht, um die Ideologie der Terrororganisation zu diskreditieren. Da ist die Historikerin Medinat Abdulazeez, eine afrikanische Muslimin aus Nigeria, die nach nicht militärischen Mitteln gegen den Terror von Boko Haram sucht, weil sie überzeugt ist, dass sich die radikalislamische Ideologie mit Krieg allein niemals bekämpfen lässt. Solchen Stimmen müssen wir mehr Gehör verschaffen und ihnen länger und aufmerksamer zuhören. Wir dürfen nicht beim Abbilden der Taten und beim Analysieren der Täterprofile stehen bleiben. Sonst haben die Terroristen ihr Ziel erreicht. Der irische Dramatiker und IRA-Aktivist Brendan Behan sagte übrigens einmal: «Die Welt ist ein Irrenhaus, und deshalb ist es nur richtig, dass sie von bewaffneten Idioten bewacht wird.» Möge dieser Satz – auch wenn er nicht ohne Ironie gemeint war – dereinst in Frieden ruhen.

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