Gülsha
Flüchtlingskinder: eine verlorene Generation

Gülsha Adilji
Gülsha Adilji
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Syrische Flüchtlingskinder spielen vor ihrem Zelt in einem Lager in Jordanien.

Syrische Flüchtlingskinder spielen vor ihrem Zelt in einem Lager in Jordanien.

KEYSTONE/AP/BILAL HUSSEIN

Letzthin wurde ich auf zwei fremde Kleinkinder wütend und fühlte eine durchdringende Antipathie und einen Anflug von Feindseligkeit gegenüber diesen unschuldigen Schlümpfen in ihren 1200-fränkigen Kinderwagen. Ich war auf dem Weg vom Flughafen in meine Wohnung in Zürich, nach zwei Wochen als Volunteer in Griechenland. Nun bin ich zurück in einem Land, wo Marken-Windeltaschen zur Schwangerschaft verschenkt werden, Muttermilchersatz in Kapseln verkauft wird und Andreas Glarner ein politisches Amt bekleidet.

Es ist nicht schwierig, mit den Gefühlen vernünftig umzugehen, die mich inmitten der Zeltlager durchdrangen – es ist unmöglich. Um sie zu verarbeiten und einzuordnen, müsste man widerwärtige Ungerechtigkeiten akzeptieren und einem herzlosen System weiterhin vertrauen, das sich trotz Renaissance und Aufklärung laufend reproduziert, samt allen Missständen und inhumanen Absurditäten. Niemals werde ich dieses gutheissen, und deswegen will ich, dass mich dieses traurige Brummen und Surren in der Brustbeinregion nie wieder verlässt. Dieses Gefühl darf und muss bleiben und mich zwischen veganen Dönern und 16-fränkigen Pastrami-Sandwiches nie vergessen lassen, dass es auf der Welt Menschen gibt, die wegen einer unmenschlichen Politik wie niedere Sklaven auf Gnade hoffen müssen.

Die Menschen sind irgendwelchen völlig Fremden ausgeliefert

Irgendjemand – ich weiss nicht wer – lässt zu, dass Menschen auf der Flucht wie Tiere behandelt werden, dass ihnen eine Nummer zugewiesen wird mit einem Barcode, welche sie um ihr Handgelenk tragen müssen, und dass sie in Zelten auf dem Boden leben müssen. Oropax, Waschpulver und Diabetesmedikamente existieren dort nicht, nur ein paar Decken, Solarlampions und der alles durchdringende Geruch der Flucht. Die Menschen im Camp sind nach Zerstörung, Krieg und Mord irgendwelchen völlig Fremden ausgeliefert. Sie werden nicht mit Traumatherapeuten in klimatisierten und wohlriechenden Zimmern empfangen, man weist ihnen vielmehr ein Zelt zu und zeigt ihnen, wo die ToiToi-Toiletten stehen. Ich konnte kaum glauben, dass es so schlimm ist, und es fehlte nur noch, dass Kontrazeptiva in die Trinkflaschen aller Bewohnerinnen gemischt werden. Den Menschen in den Camps wird tatsächlich jedwede Autonomie abgesprochen.

Am schrecklichsten empfand ich die Situation der Kinder, sie verwildern in diesen Flüchtlingslagern fast gänzlich. Im Lager geboren oder schon ihr halbes Leben auf der Flucht, waren sie entweder sehr kurz oder gar nie in der Schule und können die einfachsten Dinge nicht. Damit meine ich nicht Kopfrechnen oder Lesen, sondern Grundsätzliches wie Anstehen für ein Blatt Papier. Sie lechzen nach Impulsen, Wissen und Aufmerksamkeit, sind aber komplett sich selbst überlassen und befolgen so ihre eigenen Regeln. Sie rennen den ganzen Tag herum, Konzentration ist ihnen nicht möglich. Manchmal gibt es in den Camps von Hilfsorganisationen aufgebaute Schulen, manchmal nicht. Eine verlorene Generation ist es. Ich, wir, unsere Regierung und Europa verantworten diese ganze Situation mit und egal, wie hässig ich bin oder wie sehr es surrt in meinem Brustkorb, die schwangere Frau im 44 Grad heissen Zelt schläft nicht ruhiger, weil ich an sie denke. Irgendwie scheint alles so hoffnungslos.

Es braucht Veränderungen – und wenn auch nur im Kleinen

Es ändert sich auch nichts, wenn wir keine MCM-Windeltaschen mehr kaufen oder ich eifersüchtig bin auf Babys im Westen. Aber vermutlich würde sich zumindest ein bisschen was ändern, wenn wir aufhörten, Andreas Glarners in Positionen zu beschäftigen, wo über die Zukunft von Menschen entschieden wird. Und was tatsächlich eine Veränderung bringt – und wenn auch nur im Kleinen –, ist, ab und an eine 100er-Note einer Organisation zukommen zu lassen, die sich darum kümmert, dass Kinder nicht dehydrieren, Mütter ein Kilo Linsen bekommen und Väter etwas Holz, um eine Absperrung zwischen den Männer- und Frauen-Duschen zu bauen. Statt sein Profilbild in ein JE SUIS zu ändern, könnte man auf E-Banking klicken und nach etwas Hilfsorganisationsrecherche etwas wirklich Sinnvolles tun.

Gülsha Adilji ist Social-Media-Star, Moderatorin und D-Promi. Aufgewachsen ist sie in Uzwil SG.