Kolumne
Feindbild Europa: Nationalegoismen flammen wieder auf

Hans Fahrländer
Hans Fahrländer
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Kein Euro, keine EU, keine Nato: Europa-Gegner demonstrierten kürzlich in Rom.

Kein Euro, keine EU, keine Nato: Europa-Gegner demonstrierten kürzlich in Rom.

KEYSTONE

Die EU feiert dieser Tage ihren 60. Geburtstag. Natürlich war es nicht «die EU», die da Ende März 1957 das Licht der Welt erblickte – mit den Römischen Verträgen schlossen sich Deutschland, Frankreich, Italien, die Niederlande, Belgien und Luxemburg zur «Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft» (EWG) zusammen. Trotzdem: Es war die Kernzelle der heutigen Europäischen Union. Die Schweiz bezeichnet ja auch 1291 als ihren Geburtstag, obwohl sich da erst eine kleine Kernzelle zusammenschloss.

Zu schnell gewachsen

Der EU geht es an ihrem runden Geburtstag nicht gut. Eines ihrer wichtigsten Mitglieder verlässt sie, neue Nationalegoismen feiern Urständ, vor allem an einer fairen Verteilung der vielen Flüchtlinge droht das schwer steuerbare Gebilde zu zerbrechen. Drei Fehlentwicklungen haben zur Krise der EU geführt:

Sie ist zu schnell gewachsen. Vor allem die Länder Ost-, aber auch Südeuropas wurden (zu) schnell aufgenommen, obwohl gerade Letztere die Aufnahmekriterien punkto Zustand des Staatshaushalts nicht erfüllten.

Die Politiker der Mitgliedstaaten haben die Menschen zu wenig «mitgenommen», ihnen zu wenig erklärt, warum sich ein Beitritt auch für sie lohnt, viele fühlten sich überfahren.

Die EU hat sich zu viel in regulatorische Details der einzelnen Länder eingemischt, statt sich um die grossen Linien zu kümmern: Sicherheit etwa oder Umweltschutz. Oder Zukunftsperspektiven für die junge Generation.

Zur Person

Hans Fahrländer arbeitete von 1979 bis 2015 in verschiedenen Funktionen für diese Zeitung, unter anderem als Chefredaktor. Heute kommentiert er das nationale und regionale Geschehen. Er ist Mitglied des Publizistischen Ausschusses der AZ Medien.

Eigentlich eine tolle Sache

Ob dieser Mankos ging leider vergessen, was für eine fabelhafte Sache dieser europäische Zusammenschluss eigentlich war und ist. Innert kurzer Zeit wuchs aus einem darniederliegenden Kontinent eine Gemeinschaft befreundeter Staaten, die miteinander reden, handeln und geschäften. Besonders eindrücklich war die Wiederaufnahme des ehemaligen Kriegstreibers Deutschland in die Gemeinschaft, vor allem der Handschlag mit dem jahrhundertelangen Erzfeind Frankreich. Aber wer weiss das heute noch? Es wäre äusserst schmerzlich und überdies existenzbedrohend, wenn sich die Nationalegoismen als zu stark und die Idee Europa als zu schwach erweisen würde, um auch Zeiten des Gewittersturms überstehen zu können.

Auch in der Schweiz muss die EU ausschliesslich als Feindbild herhalten. Zwei Gruppen von Widerständlern sind vor allem auszumachen:

Zum einen die geschichtsignoranten Apolitischen, häufig jüngeren Alters. Sie halten Frieden und Wohlstand für selbstverständlich, sie kennen ja nichts anderes, sie wissen nicht, dass wir beides weitgehend den stabilen Zuständen in Europa zu verdanken haben.

Zum anderen die Nationalisten und Rechtspopulisten. Sie haben drei Feindbilder: die Migranten, die Eliten – und Europa. Sie nehmen das Land in den geistigen Würgegriff, behaupten, wir seien besser als die andern und auf jene nicht angewiesen, sie verwechseln Neutralität mit schnödem Abseitsstehen und halten die Mär von der autarken Verteidigung des Kleinstaates mitten in Europa hoch. (Haben Sie die Meldung kürzlich auch gesehen? Um die Rundum-Überwachung des Luftraums gewährleisten zu können, ist die Schweizer Luftwaffe auf die Benützung von Flugplätzen im Ausland angewiesen – nur so ein kleines Beispiel.)

Lob für Europa gilt als unanständig

Leider beschränkt sich die EU-Gegnerschaft aber nicht auf diese Gruppen. Sie ist längst darüber hinausgewachsen und frisst sich in alle politischen Kreise von rechts bis links hinein. Man überhöht die Defizite der EU, um sich mit Grausen von ihr abzuwenden. Es gilt heute geradezu als unanständig, die Vorzüge des europäischen Zusammenschlusses zu loben, die EU wird als Inbegriff all dessen gesehen, was ein aufrechter Schweizer ablehnt. EU und Europa werden dabei oft als Synonyme verwendet. Die Ablehnung Europas aber ist besonders fatal – oder besonders lächerlich. Denn die Schweiz gehört geografisch, historisch, kulturell und wirtschaftlich zu Europa. Ohne Europa wären wir nichts, wir verdanken Europa seit Jahrhunderten unsere Existenz. Aber wer weiss das heute noch?

Europa hat heute schon Mühe, sich im Weltkonzert gegen andere Mächte Gehör zu verschaffen. Es droht in der Bedeutungslosigkeit zu versinken. Gegensteuer geben kann es nur, wenn es vereinigt und stark auftritt. Ist es zerstritten und zersplittert, wird es bald keine Rolle mehr spielen. Um das geht es eigentlich beim Projekt EU. Ja, man muss es reformieren (dann können auch wir beitreten). Aber bitte nicht zerstören.