Kolumne
Feiern, wie man fällt

Kolumne zu den anstehenden Festtagen — die nach guter Vorbereitung verlangen.

Reeto von Gunten
Reeto von Gunten
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Die Festtage stehen vor der Tür.

Die Festtage stehen vor der Tür.

Man muss die Feste feiern, wie man fällt. Hier sind fünf Gemeinsamkeiten als Erklärungsversuch.

1. Feiern ist, gleich wie Fallen, eine Tätigkeit

Man fällt nicht einfach so aus dem 3. Stock ohne eigenes Dazutun; man entscheidet sich zu fallen – ausser natürlich, man wird gestossen. Fallen braucht wie Feiern einen Startpunkt, einen Auslöser, einen Schuldigen. Und sei man es selbst. An den Festtagen sei die Bibel schuld, heisst es. Aber in Wirklichkeit sind es die Warenhäuser und Onlineverkaufsplattformen, die Schuld tragen an unserer Misere. Man kann also nicht feiern, wenn man keinen Grund dazu hat. Genau so, wie man sich ja auch nicht einfach in die Fussgängerzone stellt und schreit: «Hilfe, ich falle!»

2. Feiern braucht Vorbereitung. Fallen auch

Wer meint, die Feiertage auf sich zukommen lassen zu können, wird irgendwann eingeholt. Da sind Gefühle im Spiel, die einen ganz schön belasten können: Enttäuschte Kinderaugen, zum Beispiel, sind um einiges schwerer zu ertragen als ein «Tatort» aus der Schweiz oder das Ende von «Giacobbo/
Müller». Irgendwann wird man nämlich in Feierlaune kommen, schliesslich ist es das Fest der Liebe. Bloss lässt sich die nicht innert Minuten heraufbeschwören. Die Feierlaune stellt sich nur ein, wenn man sich auf sie vorbereitet – Geschenke ausdenkt, besorgt und einpackt. Wer feiern will, muss sich einstimmen; je intensiver die Vorbereitung, desto unvergesslicher das Fest. Man kann sich ja auch nicht vom Trottoirrand in den Freitod stürzen. Wer fallen will, muss erst Höhe gewinnen.

3. Was man anfängt, muss man fertig machen

Man kann die Festtagsvorbereitungen nicht plötzlich abblasen, weil man «jetzt irgendwie doch keine Lust» oder «dieses Jahr wirklich etwas Besseres vorhat», dazu fehlt uns die notwendige Befugnis. Der Einzige, der uns da raushelfen könnte, ist Gott – aber ihm sind die Hände gebunden, sozusagen: Er hat weltweite Franchisingverträge abgeschlossen, mit ebendiesen Warenhäusern und Onlineverkaufsplattformen. Sie haben seine Rechte aufgekauft, verwenden seine Markenzeichen, sein Abbild, seine Idee, das gesamte Konzept. Das Fest der Liebe gehört schon lange nicht mehr der Liebe, es gehört dem Geschenkgedanken. Es wird geschenkt, ob es uns passt oder nicht. Man kann ja auch nicht, mitten im freien Fall, plötzlich finden, man würde jetzt doch lieber nicht fallen. Was wir uns eingebrockt haben, wird durchgezogen. Bis zum bitteren Ende.

4. Das eigentliche Fest zieht sich. Der Fall auch

Und es wird beides anders kommen, als man es sich die ganze Zeit vorgestellt hat. Aber eins ist sicher: Man wird ankommen. Fragt sich nur noch, wie.

5. Nach den Feiertagen ist man geschafft

Man liegt zwischen Geschenkpapier und Essensresten, benommen vom durch Kerzenlicht hervorgerufenen Sauerstoffmangel und verzweifeltem Wegspülalkoholpegel – ein übersättigtes, träges, flaues Abbild seiner selbst. Man fühlt sich gleichzeitig vollgefressen und sinnentleert, so, als müsste man jetzt erst einmal wieder zu sich finden. Aber man lebt. Und niemand wird einem dieses Gefühl nehmen können: Man hat es versucht, man hat Tribut gezollt, man hat Freude erlebt, weil man welche machen konnte. Jetzt geht es darum, sich aufzurappeln, wieder aufzustehen und sich darauf einzustellen, dass – kaum hat man seine Sinne wieder einigermassen beisammen – alles wieder von vorne losgeht. Genauso, als hätte man einen Sturz aus dem 3. Stock überlebt.

Man muss die Feste feiern, wie man fällt. Je öfter, desto routinierter. Diesmal schenke ich, statt Selbstgemachtem, eine Spendenquittung. Im Januar gönne ich mir eine Entgiftungskur und danach beginne ich wieder mit Schwimmen.

Reeto von Gunten ist selbstständiger Autor und Künstler, mit seinen Lesungen schweizweit auf Kleinkunstbühnen unterwegs und die Stimme des Sonntagmorgens auf SRF3.