Stadtratswahl Baden
FDP-Delvecchio: Ein hemdsärmeliger Schaffer

Die FDP hat Mario Delvecchio für die anstehende Stadtratswahlen nominiert. Ein guter Entscheid? Die Analyse von Martin Rupf, Ressortleiter «Badener Tagblatt».

Martin Rupf
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Mario Delvecchio

Mario Delvecchio

Aussenstehende mögen den Ausgang der FDP-Nomination als kleine Überraschung bezeichnen. Der Badener Freisinn setzt nicht etwa auf die erfahrene Einwohnerrätin Andrea Libardi (52), sondern auf den – zumindest auf dem politischem Parkett Badens – eher unerfahrenen Mario Delvecchio (56).

Und nicht nur das: Abgesehen davon, dass es der FDP gut angestanden wäre, mit einer Frau in den Wahlkampf gegen SP-Kandidat Jürg Caflisch zu ziehen, hätte sie bestimmt die eine oder andere Frauen-Stimme im Mitte-Links-Lager abholen können.

Die FDP hätte mit Libardi gar Historisches anvisieren können: Denn bei einer allfälligen Wahl am 18. Oktober wäre sie nach Ruth Blum (FDP, 1993 bis 2001) erst die zweite bürgerliche Stadträtin in der Geschichte Badens gewesen. Doch es kam anders: Die FDP-Mitgliederversammlung sprach sich mit 32 zu 26 Stimmen für Mario Delvecchio aus.

FDP Baden will sich mit frischen Kräften ein neues Image geben

Weshalb setzt die FDP auf einen Mann, der in der Badener Politik erst noch schlechter vernetzt ist? Wahrscheinlich punktete Delvecchio an der Nominationsversammlung mit seiner direkten, selbstsicheren, ja gar kämpferischen Art.

Die FDP stellt sich wohl auf einen intensiven Wahlkampf ein. Ganz offensichtlich traut sie dabei Delvecchio am ehesten zu, gegen Jürg Caflisch zu bestehen, der in bürgerlichen Kreisen den Ruf eines linken Hardliners geniesst.

Und nicht nur das: Ganz offensichtlich sehen die Freisinnigen in Delvecchio den Mann, der wieder neuen Schwung in den Stadtrat bringen und insbesondere Stadtammann Geri Müller Paroli bieten kann.

Denn eines kam an der Nominationsversammlung deutlich zum Ausdruck: Die Sorge um den Ruf der Stadt und über die schwierige Situation in der Exekutive – ein Jahr nach Gerigate. Für alt Regierungsrat Peter C. Beyeler ist denn auch klar: «Es braucht jetzt einen Leader, eine Persönlichkeit im Stadtrat.»

Vor diesem Hintergrund ist für die FDP klar, dass sie ihren zweiten Sitz wieder zurückerobern will, den sie im Frühjahr 2013 bei den Ersatzwahlen für den abtretenden Stephan Attiger an Ruth Müri (Team Baden) verlor.

Dabei scheint sich die FDP Baden von dieser schmerzlichen Niederlage erholt zu haben. Partei-Vizepräsident Oliver Steger sprühte nur so vor Zuversicht und Optimismus. Auch ist augenfällig, wie sich die – in den Augen vieler immer noch als Anwalts- und Bankerpartei verschriene – Partei ein neues Image geben will. Dies mit neuen jungen Kräften an der Parteispitze oder mit einflussreichen Gewerblern, die für den Vorstand gewonnen werden konnten.

Man kann sagen, mit der Nomination von Delvecchio setzt sich dieser Trend «wieder näher zu den Leuten» fort. Nicht ein gewiefter Anwalt, nicht ein aalglatter Banker, nein ein hemdsärmeliger Schaffer – Delvecchio absolvierte bei der BBC eine Lehre zum Elektrowickler – soll es für die früher so erfolgsverwöhnte Badener FDP richten.

Badenern steht ein spannender Wahlkampf bevor

Noch immer wundert man sich über die SP, die vor gut einem Monat nicht den gemässigten Erich Obrist als Stadtratskandidat auf den Schild hob, sondern Jürg Caflisch – und damit der FDP quasi den Steilpass für einen eigenen Kandidaten zuspielte.

Vielleicht hätte die FDP zwar auch bei einem SP-Kandidaten Obrist ihren Anspruch auf den zweiten Stadtratssitz geltend gemacht. Aber sie hätte es wohl ungleich schwerer gehabt, sich gegen den bis weit in bürgerliche Kreise akzeptierten Obrist zu positionieren. Nun: Den Badenerinnen und Badenern solls recht sein; ihnen steht ein spannender und intensiver Wahlkampf bevor.

Hier der kampflustige Mario Delvecchio, der bereits über Exekutiverfahrung in einer kleinen Berner Gemeinde verfügt. Da der erfahrene Jürg Caflisch, der als Grossrat und VCS-Präsident nie einen Hehl aus seiner deutlich linken Haltung gemacht hat. Ein Duell Obrist gegen Libardi wäre wohl ungleich weniger spannungsgeladen verlaufen.
Welcher der beiden wird den besseren Stadtrat abgeben?

Mario Delvecchio und Jürg Caflisch werden die kommenden Wochen nutzen, die Wähler von ihren Qualitäten zu überzeugen. Wir werden Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, dabei die nötigen Entscheidungsgrundlagen liefern, damit Sie diese Frage bis zum 18. Oktober für sich beantworten können.

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