Fahrländer
Es gibt kein anderes Volk

Hans Fahrländer
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Am 24. September entscheidet das Schweizer Stimmvolk über die Altersvorsorge 2020. (Symbolbild)

Am 24. September entscheidet das Schweizer Stimmvolk über die Altersvorsorge 2020. (Symbolbild)

Keystone/DPA dpa-Zentralbild/Z1031/_JAN WOITAS

In 22 Tagen steigt ein Wochenende, welches die Redaktion in einen noch grösseren Stress versetzen wird als die Badenfahrt. «Es chunnt go wähle», wie wir jeweils zu sagen pflegten. Tatsächlich wählt «es» nicht nur in Deutschland, sondern auch in vielen aargauischen Gemeinden, darunter in den meisten Zentrumsgemeinden wie Aarau, Baden, Brugg, Lenzburg, Zofingen oder Wohlen. Und dann ist da ja noch diese «Jahrhundertabstimmung» über die Altersvorsorge 2020. Der Aargau, sagen die Auguren, wird das mühsam ausgehandelte Gesamtpaket mutmasslich ablehnen.

Ich verstehe dieses Jahrhundert-Hochspielen nicht. Das Anpassen der Vorsorge an die demografische Entwicklung ist doch eine permanente Aufgabe. Natürlich braucht es ab und zu politische Weichenstellungen. Zum Beispiel jetzt. Aber nicht für ein Jahrhundert. Die AHV wurde seit ihrer Einführung anno 1948 schon zehnmal revidiert. Deshalb verstehe ich auch die Gegner nicht, die sich ereifern, das vorliegende Paket sichere die AHV «nur» bis 2030. Na immerhin! Bis dann muss man sich die Sache ohnehin wieder vorknöpfen. Wenn wir das Paket jetzt ablehnen, sichern wir überhaupt nichts. Bei diesen Fragen bräuchte es etwas mehr Versicherungsmathematiker und etwas weniger Ideologen.

Es ist halt das Privileg der direktdemokratischen Schweizer, dass sie die Sicherung ihrer Altersvorsorge ablehnen dürfen, weil es der eigenen Alters- oder Einkommensklasse zu wenig «bringt». Weil also die Zustimmung des Volkes zwingend ist, kann man das Rentenniveau nicht beliebig senken. So entstand die Idee mit dem 70-Franken-Zückerchen bei der AHV. Man kann diese Giesskannen-Kompensation schlecht finden – aber man sollte sich nicht generell mokieren über das nötige «Mehrheitsfähigmachen» der Vorlage mittels Zückerchen. Ohne Volksmehr keine Revision, so lautet das eherne Gesetz der direkten Demokratie, heute, morgen und immerdar. Wer so tut, als liege eine bessere Vorlage gleich um die nächste Ecke, der redet unredlich. Auch die nächste Vorlage muss vors Volk. Wir müssen mit dem Volk rechnen, das wir haben. Es gibt kein anderes.

Hans Fahrländer war Chefredaktor der Aargauer Zeitung und schreibt über Aargauer Politik.
hans.fahrlaender@azmedien.ch