Die «neue Türkei»
Erdogans islamistische Agenda

Artur K. Vogel
Artur K. Vogel
Merken
Drucken
Teilen
«Mit «Säuberungen» in der Türkei allein wird sich Erdogan jedoch nicht begnügen – ihm schwebt Grösseres vor.» (Archivbild)

«Mit «Säuberungen» in der Türkei allein wird sich Erdogan jedoch nicht begnügen – ihm schwebt Grösseres vor.» (Archivbild)

KEYSTONE/EPA TURKISH PRESIDENT PRESS OFFICE/HANDOUT

Nach dem gescheiterten Putsch macht man sich in Europa Sorgen um Menschenrechte in der Türkei, um den Flüchtlingsdeal mit Ankara, um die Sicherheit an Europas südöstlichen Grenzen, um den Kampf gegen den IS-Terror. Eine Frage aber stellt sich niemand: Welche islamistische Agenda verfolgt Recep Tayyip Erdogan, der seit 13 Jahren an der Macht ist und diese nun noch ausbauen wird?

Unbeachtet geblieben sind die Worte des jordanischen Königs Abdullah II. im Januar vor ranghohen Vertretern der US-Legislative. Der britische «Guardian», der eine Aufzeichnung des Gesprächs erhielt, zitiert den Monarchen mit den Worten: «Erdogan glaubt daran, dass sich die Probleme der Region mit den Methoden des radikalen Islamismus lösen lassen.»

Man erinnert sich an Berichte über die Kooperation türkischer Behörden mit dem sogenannten «Islamischen Staat»: Erdöl-Deals, Transit von Waffen und Gotteskriegern über die Türkei nach Syrien und in den Irak, die Pflege verwundeter Dschihadisten in türkischen Spitälern.

Die türkische Luftwaffe schlug in den Nachbarländern ungleich heftiger gegen Kurden als gegen radikale Islamisten zu. Ankara verfolgte zwei strategische Ziele, die mit jenen der Terrormilizen identisch waren: die Kurden schwächen und den alawitischen syrischen Diktator Assad durch ein sunnitisches Regime ablösen.

Nachweisbare islamistische Sympathien

Erst nach dem Anschlag in Suruç vor exakt einem Jahr änderte sich die türkische Haltung: Ein IS-Selbstmordattentäter hatte in der Stadt an der Grenze zu Syrien 32 Menschen in den Tod gerissen und mehr als 100 verletzt. Unmittelbar nach dem Massaker gestattete Erdogan der US-Luftwaffe die Benützung der Basis Incirlik für Einsätze gegen den IS. Am 12. Januar 2016 schlug im Zentrum Istanbuls ein weiterer IS-Terrorist zu: 11 Menschen starben, 15 wurden verletzt, hauptsächlich deutsche Touristen.

Erdogans Sympathien für den sunnitischen Islamismus lassen sich auch ausserhalb des Krieges in den Nachbarländern nachweisen. Erdogan hat sich sein Leben lang in islamistischen Kreisen bewegt: Er absolvierte ein religiöses Gymnasium und engagierte sich in einer Jugendorganisation der islamistischen, nationalistischen und demokratiefeindlichen Milli-Görus-Bewegung von Necmettin Erbakan.

Dieser wurde 1996 als Vorsitzender der islamistischen Wohlfahrtspartei Chef einer Koalitionsregierung, von der Armee aber ein Jahr später zum Rücktritt gezwungen. Erdogan und seine Genossen gründeten 2001 als Milli-Görus-Ableger die Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung (AKP). Erdogan wanderte jedoch für ein paar Monate wegen «Anstiftung zum religiösen Hass» ins Gefängnis. Er hatte bei einer Veranstaltung Verse des nationalistischen Publizisten und Soziologen Ziya Gökalp zitiert: «Die Demokratie ist nur der Zug, auf den wir aufsteigen, bis wir am Ziel sind. Die Minarette sind unsere Bajonette, die Kuppeln unsere Helme und die Moscheen unsere Kasernen.»

Ankara finanziert antiwestliche Moscheen

Was hat das mit Europa zu tun? Der libanesisch-deutsche Islamwissenschafter (und Muslim) Ralph Ghadban machte Erdogan in einem Beitrag in der «Welt» «mitverantwortlich dafür, dass immer mehr Moscheen in Deutschland antiwestlich eingestellt sind. Die «Türkisch Islamische Union der Anstalt für Religion» (Ditib) unterhält in Deutschland 900 Moscheen.

Ditib wird mindestens indirekt vom Büro des türkischen Ministerpräsidenten aus gesteuert. Viele türkische Imame in Ditib-Moscheen «akzeptieren die Menschenrechte nicht, sondern sehen die Scharia als höchstes Gesetz an», sagt Ghadban. Ditib und Milli Görus kontrollieren auch Moscheen in der Schweiz.

Die deutsch-türkische Juristin, Kopftuch- und AKP-Aktivistin Betül Ulusoy schrieb am Wochenende auf Türkisch ins Facebook: «Bevor der Putsch losging, ist er gescheitert. Aber alles hat einen Segen, jetzt können wir ein wenig Dreck säubern. Jeder kriegt seine Strafe. Mit Gottes Erlaubnis.»

Mit «Säuberungen» in der Türkei allein wird sich Erdogan jedoch nicht begnügen. Ihm schwebt Grösseres vor: «Fangen wir von Deutschland aus an, die neue Türkei aufzubauen?», fragte er am 15. Mai 2015 in einer Halle bei Karlsruhe. «Ja!», schrien 14 000 aufgepeitschte Anhänger. Die «neue Türkei» wolle er mit «globaler Macht» aufbauen, rief Erdogan in die Menge: «Unsere Religion, unser Glaube ist unser alles.»