Analyse
Erdogan sucht neue Freunde

Gerh Höhler
Gerh Höhler
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Der türkische Präsident Recezp Erdogan. (Archiv)

Der türkische Präsident Recezp Erdogan. (Archiv)

KEYSTONE/AP/FRANCOIS MORI

Kein türkischer Politiker seit dem Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk hatte so viel Macht wie jetzt Recep Tayyip Erdogan. Dass die Verfassung für den türkischen Präsidenten eigentlich nur eine zeremonielle Rolle vorsieht, kümmert Erdogan nicht. Er hat sich längst zum Staatschef aufgeschwungen. Und doch muss er nun hilflos zusehen, wie sein Land vom Terror zerrissen wird. Die Schlächter des sogenannten «Islamischen Staats» richten in immer schnellerer Folge ein Blutbad nach dem anderen an. Und die Terroristen der kurdischen PKK haben mit ihren Autobomben den Krieg sogar mitten ins Regierungsviertel von Ankara getragen, das politische Herz der Türkei.

In die Enge getrieben vom Terror, sucht Erdogan jetzt neue Freunde. Er ist dabei, die von ihm selbst vor einem Jahrzehnt abgebrochenen Brücken zu Israel wieder aufzubauen. Das könnte zu mehr Stabilität in der Region beitragen. Mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin ist er ebenfalls wieder im Gespräch. Die Aussichten für eine Aussöhnung sind gut, denn beide Männer ticken ähnlich und haben ansonsten wenige Freunde in der Welt. Sogar nach Ägypten streckt Erdogan jetzt seine Fühler aus, zu dem ihm bisher verhassten Präsidenten Abdel Fattah al-Sisi. Da wundert es nicht, dass Erdogan nun auch den Beitritt seines Landes zur Europäischen Union, der er noch vor wenigen Monaten vorwarf, sie wolle «die Türkei spalten», zum «strategischen Ziel» erklärt.

Kein Umdenken, sondern eine taktische Kurskorrektur

Ist das die Wende? Kommt Erdogan zur Vernunft, wird der unberechenbare Hitzkopf zu einem verlässlichen Partner? Wohl kaum. Was wir erleben, ist kein Umdenken in der konfrontationsgeladenen türkischen Aussenpolitik, sondern eher eine taktische Kurskorrektur. Erdogan hat erkannt, dass er nicht an allen Fronten gleichzeitig kämpfen kann.

Die Wiederannäherung an Moskau ist vor allem ein Gebot der ökonomischen Vernunft. Die türkische Wirtschaft leidet nicht nur unter der Bedrohung durch den Terror, sondern auch unter dem Reise-Embargo, das Putin nach dem Abschuss des russischen Kampfjets durch die türkische Luftwaffe verhängt hatte. Für die Wiederannäherung an Jerusalem sprechen neben den bedeutenden Erdgasvorkommen vor der israelischen Küste vor allem die türkischen Sicherheitsinteressen. Bereits in den 1990er-Jahren arbeiteten beide Länder im Kampf gegen den Terrorismus eng zusammen. Daran könnte man jetzt anknüpfen.

Der IS hat sich in der Türkei tief eingegraben

Für die Türkei steht viel auf dem Spiel. Der Terror wird zu einer existenziellen Bedrohung für das Land. Erdogan ist daran nicht unschuldig. Viel zu lange verharmloste er die Gefahr, die vom IS ausging. Erst nach den Selbstmordattentaten von Suruc und Ankara vom vergangenen Jahr setzte in Ankara ein Umdenken ein. Aber es könnte zu spät sein. Die Terrormiliz hat sich inzwischen in der Türkei tief eingegraben und ein dichtes Netz aus Kämpfern und Unterstützern geknüpft. Nun, wo es für Ankara darauf ankäme, alle Kräfte auf den Kampf gegen den IS zu konzentrieren, bindet überdies der wieder aufgeflammte Kurdenkrieg wichtige Ressourcen. Die Chance, den Konflikt friedlich zu lösen, hat Erdogan im vergangenen Jahr bewusst ausgeschlagen.

Statt sich ganz auf eine Strategie gegen den IS zu konzentrieren, ist Erdogan immer noch damit beschäftigt, kritische Akademiker und missliebige Journalisten zur Strecke zu bringen – auch im Ausland. Erdogans oberste Priorität scheint es zu sein, seine Macht zu zementieren. Diesem Ziel dient auch die Ankündigung, syrischen Flüchtlingen die türkische Staatsbürgerschaft zu geben: Erdogan spekuliert auf Hunderttausende neue, treue Wähler.

Dass Erdogan der Alte ist, zeigt der Streit um die Armenier-Resolution des Deutschen Bundestages. Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen blitzte bei ihrem jüngsten Türkei-Besuch ab. Deutsche Abgeordnete will die türkische Regierung auch künftig nicht als Besucher bei Bundeswehreinheiten in ihrem Land dulden. Erdogan isoliert sich damit im Westen weiter – und macht sein Land noch verwundbarer für den Terror.