Analyse
Eniwa: Die Frage nach dem frischen Wind stellen

Urs Helbling, Ressortleiter Region Aargau-West, analysiert die jüngste Entwicklung beim Energieversorger Eniwa.

Urs Helbling
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Urs Helbling

Die Eniwa war mit sich in den letzten Jahren sehr grosszügig. Die Führung surfte geschickt auf dem Trend, dass alles, was irgendwie nach alternativer Energie tönt, gut ist – und entsprechend unkritisch akzeptiert wird. Man fuhr eine expansive Vorwärtsstrategie, leistete sich etwa in Buchs für 75 Millionen Franken einen neuen Hauptsitz – inklusive einer Raumreserve für 150 bis 200 Personen, die aktuell weitgehend leer steht und keine Mieten abwirft.

Man gab sich auch einen neuen Namen und brachte damit zum Ausdruck, dass die Zeiten der zurückhaltenden IBA-Philosophie definitiv zu Ende sind. Der Verwaltungsrat lebte dem Management vor, wie Geld ausgegeben wird: Das ist spätestens klar, seit bekannt wurde, dass sich damalige Verwaltungsräte zusammen mit den sechs Mitgliedern der Geschäftsleitung 2017 ein Island-Reisli gönnten. Gewiss, dieser Ausflug kostete nicht alle Welt. Aber er ist irgendwie symptomatisch für die Mentalität, die beim Energieversorger in den letzten Jahren herrschte.

Wer das Gebaren der Eniwa etwas mitverfolgte, dürfte vom diese Woche kommunizierten Gewinnrückschlag nicht wirklich überrascht worden sein. Aber vom Ausmass des Einbruchs. Unter dem Strich resultierte nur noch ein Gewinn von 3,9 Millionen Franken. Das bei einem Umsatz von 154,1 Millionen Franken. Einem Umsatz, der zu erheblichen Teilen mit gebundenen Kunden, die ihren Strom von der Eniwa beziehen und die vergleichsweise hohen Tarife bezahlen müssen, erwirtschaftet wird.

Das Management hat weder die 802 Aktionäre noch die Öffentlichkeit über das heranziehende Gewinn-Unheil orientiert. Die Quartals-Berichterstattung ist letztes Jahr eingestellt worden, was einen klaren Abbau von Transparenz darstellte. Im Halbjahresbericht wurden Ende August «steigende Umsätze» in Aussicht gestellt. Auch das hat die Eniwa nicht geschafft. Trotz höheren Abgaben beim Strom und Gas musste das Unternehmen insgesamt einen Umsatzrückgang um 1,8 Prozent hinnehmen.

Ob der Verwaltungsrat der bisherigen Managementcrew um CEO Hans-Kaspar Scherrer zutraut, das Steuer herumzureissen?

Besorgniserregend ist, dass die Eniwa etwa in der vermeintlichen Zukunftssparte erneuerbare Energien (hier hatte man 2016 die Baselbieter Holinger Solar übernommen) rote Zahlen schreiben musste. Und, dass keinerlei Transparenz darüber besteht, wie viele Grosskunden in den Bereichen Strom und Gas abgesprungen sind (sie können das im Gegensatz zu den Kleinen). Eine völlige Blackbox ist zudem das Fernwärme/-kälte-Geschäft: Da weiss man nur, dass die Eniwa ihren Einsatz erhöht hat und neu bis 2030 rund 130 Millionen Franken investieren will. Über die Rentabilitätsperspektiven ist gar nichts bekannt.

Was die nähere Zukunft anbetrifft, hat die Eniwa fast nur das Prinzip Hoffnung: Es soll möglichst viel regnen, damit Aarewasser verstromt werden kann. Es soll kalt oder sehr heiss sein, damit Energie nachgefragt wird. Und das Börsenrally soll weitergehen, damit das Finanzergebnis wieder deutlich positiv wird.

Neben der Hoffnung gibt es auch Risiken: Das Elektroinstallationsgeschäft dürfte die sich abkühlende Baukonjunktur zu spüren bekommen. Und wenn kein Wunder passiert, werden die Leerstände im neuen und vor allem in den verlassenen Gebäuden noch einige Zeit anhalten. Die grösste Gefahr droht aber mittelfristig von der Strommarktliberalisierung: Werden sich die kleinen Kunden im grossen Stil von der Eniwa abwenden?

Der Stadtrat von Aarau scheint die Probleme erkannt zu haben, hat er doch vor vier Wochen in der Beantwortung einer parlamentarischen Anfrage darauf hingewiesen, es gelte «die Kostenbasis der Eniwa zu verbessern». Der Stadtrat ist in der Pflicht: Schliesslich besitzt die Stadt 95,4 Prozent der Eniwa-Aktien – und sie rechnet eigentlich mit jährlich über 5 Millionen an Dividenden.

Im Eniwa-Verwaltungsrat sitzen aktuell Stadtpräsident Hanspeter Hilfiker und Stadtrat Werner Schib. In der jüngeren Vergangenheit wurde das Gremium von den damaligen Stadtpräsidenten Jolanda Urech und Marcel Guignard präsidiert.

Der Verwaltungsrat wird in naher Zukunft wichtige Entscheide fällen müssen: Soll er das Risiko des 130 Millionen Franken teuren Neubaus des Aare-Kraftwerks eingehen? Viel wichtiger und viel unmittelbarer ist aber die Frage, ob der Verwaltungsrat der bisherigen Managementcrew um CEO Hans-Kaspar Scherrer zutraut, das Steuer herumzureissen.

Ob für eine neue, etwas bescheidenere Mentalität nicht frischer Wind notwendig ist. Es steht für die Stadt und Region mit all ihren Stromkonsumenten viel auf dem Spiel.