Fall Funda Yilmaz
Einstellung zählt, nicht Seele

Max Dohner
Max Dohner
Drucken
Teilen
Funda Yilmaz und der Schweizer Pass (Bildmontage)

Funda Yilmaz und der Schweizer Pass (Bildmontage)

Fotos: zvg/key; Montage: edi

Funda Yilmaz – der Klang dieses Namens erinnert wieder mal an Fritz: Friedrich Dürrenmatt, genannt Fritz. Er entfernt sich langsam als Figur und bleibt als Grosskobold dennoch gegenwärtiger als Max Frisch, dessen Vermächtnis in Fünfjahresschritten schon beinahe rituell gesalbt wird. Und warum denken wir bei Funda Yilmaz an Dürrenmatt? Funda Yilmaz ist jene 25-jährige Türkin, die vom Einwohnerrat Buchs nicht eingebürgert worden ist. Und Dürrenmatt schrieb mal den Satz (im Kriminalroman «Justiz»): «Die Welt wird entweder untergehen oder verschweizern.»

Die 25-jährige Türkin wurde nicht verschweizert. Trotz perfektem Schweizerdeutsch, einwandfreiem Leumund, stabiler Lebenssituation, Plänen für ein Studium und makellos bestandenem Staatskunde-Test. Wird ihre Welt jetzt also untergehen? Wohl kaum, so wie die junge Frau bisher unterwegs ist; im Übrigen rekurriert sie offenbar gegen den Entscheid. Sie gibt nicht auf im Wunsch oder im Bedürfnis zu ihrer Verschweizerung. Möge ihr gelingen, möge Funda Yilmaz zur Gänze entfalten, was in ihr angelegt ist, was sie gelernt und erfahren hat. Wie das jedem jungen Menschen zu wünschen ist.

Und was ist mit denen, die über das Bürgerrecht entscheiden? Zu vermuten ist, dass ein lokaler Einwohnerrat nur die Antenne oder der Funkdraht ist für eine Hintergrundspannung, eine gesellschafts-elektrische Kraft. Woraus aber setzt sich ein solcher Druck zusammen, dieser feine und doch so hartnäckige Dauerimpuls zur Verschweizerung? Wo baut er sich auf? Wie wirkt er auf Zugezogene ein? Anders gefragt: Wo sitzen die eigentlichen Schweizermacher? Und das wiederum heisst: Wo stecken die Wirkungsvollsten, jene, die schnell, tiefgreifend und unwiderruflich verschweizern? Ohne salbungsvolle Predigt, und Federlesen? Wären nicht das die Besten?

Ja – wir sprechen von den KMU, den kleinen und mittleren Unternehmen. Von ihnen ist wenig die Rede, wenn die wirkungsvollsten Kräfte der Integration geprüft und gewürdigt werden. Man würdigt Integrationsbüros und Sprachkurse, Arbeitsprogramme. Man würdigt die Schulen, die in der Tat enormen Zusammenhalt befördern, Tag für Tag, Stunde für Stunde. Man erwähnt Behörden und Sozialdienste, die andere «Sozialindustrie» schimpfen. Aber nicht einmal jene, die angeblich ganz genau errechnen können, wie viel die «Sozialindustrie» von Ausländern und Migranten «profitiert», richten den Blick daneben auch mal auf die KMU, die ebenfalls profitieren. Sie allerdings, die KMU, bringen Ordnung rein, zusammen mit den Berufsschulen, ohne deswegen jeden über den gleichen Kamm zu scheren. Irgendwie «richten sie die Reihen aus», ohne doch Malocherbataillone zu schmieden. Man «nimmt jeden, wie er ist», lässt aber – «wenn es drauf ankommt» – nicht mit sich reden. So bei den altbewährten Mustern, die im Bauernstand wurzeln und im Kleingewerbe.

KMU leisten bei der Verschweizerung von Hunderttausenden seit zwei Generationen Kärrnerarbeit. Sie verschweizerten alle: Italiener, Iberer, Jugos, Tamilen, Tschechen, Kurden, Iraker, Mexikaner. Sogar Deutsche – zumindest jene, die sich nicht zurück nach Deutschland retten konnten. Jetzt beissen die KMU etwas an den Afrikanern. Sie werden auch hier ihren «Tarif durchgeben» und Verantwortung zuteilen, wo die Leute «einhängen». Natürlich wittern sie Chancen im Geschäft mit Migranten. Drücken Löhne, ersinnen den einen oder anderen «Schlungg». KMU-Chefs sind Pragmatiker, keine Ministranten.

Das Potenzial solcher Qualitäten ist kaum richtig einzuschätzen, weil sie auf den ersten Blick provinziell und bieder wirken, wie die Regeln von Schrebergarten-Vereinen. Nicht von ungefähr wehen hier aller Länder Fahnen. Mäuerchen, Dachrinnen und das korrekte Schneckengift – das sind Glutkerne, die Gemeinschaften verschmelzen. In der Summe nähert sich aber dieser Klein-Klein-Fleiss der kollektiven Grosstat von Bienenvölkern. Schweizer bringen alles mit: Ausdauer, Sachverstand und Tüpfli-Schiisse. Dinge, die sie «nicht an die grosse Glocke hängen». Es geht nicht um die «Seele» des Landes, nur um die «richtige Einstellung». Das Tolle daran ist – auch das will niemand verraten, glaubt aber jeder, «im Gschpüri» zu haben: Das gleiche Prinzip lässt sich überall anwenden. In Schanghai so gut wie in Sofia, Dubai, Texas oder Kuala Lumpur. Mit Geduld lässt sich alles verschweizern. In der perfekten Verschmelzung von Viehhändler, Reisläufer und Magdalena Martullo-Blocher.

Aktuelle Nachrichten