Magic Moments of Football
Einfach schöner als Fussball

Max Dohner
Max Dohner
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Verlieren und verbannt werden – und es war trotzdem grossartig.Imago

Verlieren und verbannt werden – und es war trotzdem grossartig.Imago

imago sportfotodienst

Da oft die Rede ist von «magischen Momenten» im Fussballstadion – und der Einzelne selten welche erlebt, stellen sich zwei Fragen: Taugt man nicht zum Magier? Oder versteht man nichts von Fussball? Wenn 50 000 Selige rundum singen, feiern, in der Jubel-Ola-la-Welle schwimmen, kommt man sich – stumm und kühl – vorig vor. Trostlos. Wie gestrandet . . . gäbe es in der Tat die raren Momente nicht von Magie im Stadion.

Ein magischer Moment im Stadion war der 14. Juni 2012, ungefähr ab Spielminute 83. Sieben Minuten fehlten bis zur Kanterniederlage. Sieben Minuten zum Ausscheiden aus dem Turnier. Wieder mal sieben Minuten bis zum Jahrhundertblues. Darin findet sich ein ganzes Volk immer wieder: in seiner Misere, seiner jammervollen Geschichte. Darin steht es immer wieder auf: aus dem Elend, vom Jahrhundert-Trauma: «To Connaught or to Hell!» (Abmarsch: entweder Steinwüste oder Hölle).

Richtig – wir reden von Irland. Die Iren hatten wieder mal verloren an jenem 14. Juni: Euro 2012 – 0:4 gegen Spanien. Das war gleichbedeutend mit dem Ausscheiden aus dem Turnier. Da kamen – in sieben Minuten – Erinnerungen hoch an sieben Jahrhunderte Schmerz. Sieben Minuten Survival- Glorie. Die Iren stimmten ein Lied an, worin das ganze Drama steckte: junge, jäh zerschlagene Hoffnung. Ein Schicksal von Hiobscher Ungerechtigkeit. Die Beschwörung unschuldiger Episoden, flüchtig und wunderbar, inmitten von Blumen. Zeitlos irische Gefühle.

Der Clou aller Trauerinbrunst in jenen letzten sieben Minuten aber war: Es handelte sich nicht um die Landeshymne. Auch um kein Kriegszeit-Musical- Derivat wie «You’ll never walk alone». Voller Pathos zwar wie eine Hymne, hatte es dennoch Volkslied-Charakter. Klang alt wie Irlands Cliffs of Moher, wurde aber geschrieben erst in den Siebzigerjahren des letzten Jahrhunderts, war bei der Niederlage in Spanien also lediglich 40 Jahre alt. Das bewegende, unvergessliche, das wunderbare Lied «The Fields of Athenry» von Pete St. John. Gesungen u. a. von Paddy Reilly (man gönne sich auf Youtube mal Paddys Live-Version des Stücks, zusammen mit den Dubliners, 2003).

«Fields of Athenry» erzählt von Michael, einem kühnen geradlinigen Burschen. Michael stahl ein bisschen Getreide beim Landlord, um seine Familie vor dem Hungertod zu retten. Nur deswegen wurde er nach Australien deportiert. Vor dem Morgen, da ihn das Schiff aus der Bucht bringt, auf Nimmerwiedersehen, sagt Michael zu Mary, seiner Frau: «Sorg für den Jungen, darum muss es jetzt gehen: Freiheit und Würde.» Wehmut, Wut, Sehnsucht – all das findet sich in den Zeilen wieder. Die nie wiederkehrenden Tage mit den Vögeln, den Liedern und Blumen von Athenry ... sie wirken angesichts der Realität wie das Paradies.

Das alles ist toll, aber noch kein magischer Moment. Der kam erst jetzt. Ungefähr drei Minuten, nachdem das Lied aus allen irischen Kehlen zum offenen Stadion hinausdrang. Die spanischen Fans hörten verdutzt zu. Lernten schnell den Refrain und stimmten bald ein. Frei von der dummen Stadionchoreographie, weiter «Schlachtenbummler» zu sein, losgelöst von den «gegnerischen Lagern», abgelöst so- gar vom Treiben auf dem Rasen, sangen nun alle «The Fields of Athenry». Warum alle? Wusste wohl keiner. Vermutlich deshalb: Das war einfach schöner als Fussball.

Auch der Kommentator der ARD stutzte. Minutenlang hörte er zu, vermutlich um bei der Regie Hintergrundinfo über das Lied zu erhalten. Die Hymne war es nicht – was aber dann? Endlich meldete sich der Mann wieder, fast etwas widerwillig – eigentlich hätte er lieber noch etwas zugehört: «Wir haben eine grossartige Komposition der spanischen Elf gesehen», sagte er zuerst. Und später: «Das letzte Lied für Spanien ist damit noch nicht gesungen.»

Der Mann übertrug die Blumen auf den Fussball. Ungerechterweise. Die Iren hatten gesiegt im Stadion, mit ihrer ganz eigenen Musikalität oder Kultur. Was spielte das Resultat, was spielte der Fussball überhaupt für eine Rolle! Noch immer wird auf Youtube das Video vom kollektiven Stadion-Chant angeklickt, inzwischen 1,2-Millionen-fach.

Welch schönes Happy End einer Niederlage! Ein typisch irisches Happy End. Glücklich ohne Seelenschmetter wird hier niemand. Genau wie bei dem folgendem Liebespaar: «Willst du uns zwei heiraten?», fragt wieder ein Michael seine Mary; nämlich ihn heiraten, Michael, und seinen täglichen Drink. Mary ist entrüstet. Aber sie heiraten und sind bald glücklich zu dritt: Michael, Mary und der tägliche Drink.