Wochenkommentar
Eines Tages kommt das grosse Google-Leck

Briefkastenfirmen können auch der Steueroptimierung dienen oder der Kriegsfinanzierung – das wird niemanden ernsthaft überraschen. Doch auf die leichte Schulter können die «Panama Papers» nicht genommen werden.

Christian Dorer
Christian Dorer
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Eine Yacht kreuzt vor der Steueroase Panama-City.

Eine Yacht kreuzt vor der Steueroase Panama-City.

Keystone

Niemand wird ernsthaft überrascht sein, dass über Finanzplätze wie Panama, Cayman Islands, Britische Jungferninseln oder die Seychellen lusche Geschäfte getätigt werden, zum Teil legal, zum Teil illegal, von der Steueroptimierung bis zur Kriegsfinanzierung. Seit dieser Woche liegen die Beweise millionenfach vor: dank eines riesigen Datenlecks aus der panamaischen Kanzlei Mossack Fonseca.

Die Erkenntnisse sind eine Bestätigung von längst Geahntem, gewürzt mit einem Blick durch das Schlüsselloch auf die Praktiken von Anwaltskanzleien, und man staunt, dass hochgeachtete Anwälte höchstpersönlich Koffer voll Bargeld transportieren, wenn sie damit ihre superreiche Klientel zufriedenstellen können. Aber eben: Weil diese Enthüllungen niemanden wirklich überraschen, ist die ganz grosse, weltweite Empörung ausgeblieben.

Trotzdem irrt, wer die «Panama Papers» mit dem Hinweis abtut: alles schon gewusst, alles wie gehabt, gehen wir zur Tagesordnung über. Denn entscheidend ist nicht das grosse Ganze, sondern der Einzelfall. Und da explodiert nun eine politische Bombe nach der anderen:

  • In Island musste der Ministerpräsident nach der grössten Protestkundgebung, die die Insel je erlebt hatte, zurücktreten. Nach der Bankenkrise 2008 war er dank seines Kampfes gegen Spekulanten an die Macht gekommen – jetzt zeigen Dokumente, dass er selber lusche Finanzvehikel nutzte.
  • In Grossbritannien gerät Premierminister David Cameron mehr und mehr unter Druck, weil sein Vater einen Investmentfonds auf den Cayman Islands besass – und Cameron, Kämpfer gegen Steuerhinterziehung, bis kurz vor seiner Ernennung zum Premier ebenfalls Teilhaber war.
  • Der neue argentinische Präsident Mauricio Macri war als Saubermann angetreten, der mit den Praktiken des alten Establishments aufräumt – jetzt steht er unter Beschuss, weil er an zwei Offshore-Firmen beteiligt war.
  • Bei der Fifa wurde Gianni Infantino Präsident, um den Korruptionssumpf trockenzulegen. Jetzt taucht seine Unterschrift auf einem Dokument auf, mit dem TV-Rechte viel zu günstig vergeben wurden.

Doppelmoral untergräbt die Glaubwürdigkeit

Die Liste wird täglich länger. Diese Fälle untergraben das Vertrauen in die ohnehin angeschlagene Politik noch mehr. Sie empören die Menschen zu Recht; wohl nicht mal so sehr, weil jemand mutmasslich seine persönlichen Finanzen optimiert hat, sondern wegen der Doppelmoral. Nichts untergräbt die Glaubwürdigkeit so sehr, wie wenn jemand offiziell Praktiken bekämpft, die er selber betreibt – egal, ob es um Geld, Sex oder
Moral geht.

Man muss anerkennen: Die weltweit 370 Journalistinnen und Journalisten, die seit rund einem Jahr an den «Panama Papers» recherchieren, haben ganze Arbeit geleistet. Sie haben aus einem Datensatz von 11,5 Millionen Dokumenten und 2,6 Terabyte mithilfe modernster Software das Wesentliche herausgefiltert, die Beschuldigten konfrontiert, die Erkenntnisse am Sonntagabend koordiniert enthüllt. Der Journalismus hat hier seine Rolle als vierte Gewalt wahrgenommen.

Die «Panama Papers» reihen sich ein in eine zunehmende Zahl von Datenlecks, wie sie erst die digitale Transformation möglich macht. Heute lassen sich per Knopfdruck Dokumente abtransportieren in einer Menge, für die es früher monatelange Kopierarbeit gebraucht hätte – und was somit unmöglich war. Nun können Firmen, Regierungen, Geheimdienste Datenklau zwar bekämpfen, aber offenbar nicht immer verhindern. Deshalb müssen wir uns an mehr Transparenz
gewöhnen, in allen Bereichen, auch dort, wo es uns nicht gefällt. Vielleicht ist schon heute Wirklichkeit, was Google-Chef Eric Schmidt vor Jahren prophezeit hat: «Wenn es irgendetwas gibt, was man nicht über Sie wissen sollte, dann sollten Sie es vielleicht gar nicht erst tun.»

Jeder muss lernen, mit Transparenz umzugehen

Gerade Google weiss alles über jeden. Der Konzern betont, dass dieses Wissen nicht verwendet wird. Vielleicht aber wird eines Tages ein Mitarbeiter einen
interessanten Datensatz mitlaufen lassen und zum Beispiel veröffentlichen, welche Websites die tausend wichtigsten Persönlichkeiten dieser Welt in ihren geheimen Momenten besuchen. Wetten, dass damit die eine oder andere Autorität zerstört würde?

Die zunehmende Transparenz kann man nicht abwenden. Aber man kann lernen, damit umzugehen – und da gibt es bereits heute in vielen Bereichen ein unverkrampfteres Verhalten. Zum Beispiel galt es in der Anfangszeit des Internets als anrüchig, wenn sich zwei übers Netz kennen lernten. Heute sprechen junge Leute miteinander offen über ihre Dates, die sie über die Plattform Tinder organisieren.

Wenn in der Zukunft schon nichts mehr mit Garantie privat bleiben wird, so wird die Öffentlichkeit hoffentlich unterscheiden können, was relevant ist und was bloss interessant. Von Politikern darf man erwarten, dass sie selber so handeln, wie sie reden. Heilige aber müssen sie nicht sein.