Meiereien
Eine Frau in Rage

Jörg Meier
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Jörg Meier: «Der Anwalt kam gar nicht dazu, irgendetwas zu entgegnen. Die Frau redete ohne Unterbruch und immer schneller und lauter.» (Symbolbild)

Jörg Meier: «Der Anwalt kam gar nicht dazu, irgendetwas zu entgegnen. Die Frau redete ohne Unterbruch und immer schneller und lauter.» (Symbolbild)

Keystone

Die Frau schien etwas angespannt. Und ziemlich aufgebracht. Sie müsse dringend telefonieren, sagte sie, sie hoffe, das störe mich nicht. Ich sagte, sie könne ungeniert telefonieren, das störe mich überhaupt nicht. Und sie genierte sich wirklich nicht, tippte wild eine Nummer ein und legte los.

Es sei ihr egal, wenn der Herr Doktor jetzt keine Zeit habe, sagte sie in ihr Handy, er sei ihr Rechtsanwalt und sie verlange, dass er ihr zuhöre. Und zwar jetzt. Offenbar tat das dann der Herr Doktor auch. Denn nur wenige Sekunden später ging es los: Der Vertrag sei eine Frechheit, sagte die Frau, der Anwalt habe gar nichts verstanden, er habe sich von ihrem Ex, diesem Vaganten, über den Tisch ziehen lassen, und diesen Fötzel werde sie also nie und nimmer unterschreiben.

Der Anwalt kam gar nicht dazu, irgendetwas zu entgegnen. Die Frau redete ohne Unterbruch und immer schneller und lauter. Sie habe ihn engagiert, damit er ihr helfe, nicht damit er vor diesem Menschen, mit dem sie leider einen Teil ihres Lebens verbracht habe, den Schwanz einziehe.

400 Franken Unterhalt pro Kind sei eine Frechheit, schimpfte sie weiter, und 1400 Franken für eine Wohnung sowieso. Sie ging dabei ziemlich ins Detail. So weiss ich jetzt auch, wie viel der Ex verdient und dass sie nichts mit seinen Schulden zu tun haben will. Weiter habe ich erfahren, dass die Frau gleich anderntags persönlich beim Anwalt vorsprechen würde.

Dann endlich legte sie auf, atmete durch und schaute mich an.

«Tschuldigung», sagte sie freundlich. «Aber das musste einfach sein.»

Der Zug hielt in Baden. Die Frau stieg aus.

Ich schaute ihr nach, bis die Unterführung sie verschluckt hatte.