Kolumbien
Eine Entscheidung aus Wut

Klaus Ehringfeld
Klaus Ehringfeld
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Befürworter des Friedensvertrags zwischen Kolumbiens Regierung und den FARC-Rebellen nehmen mit Enttäuschung das Nein-Votum des Volks zur Kenntnis.

Befürworter des Friedensvertrags zwischen Kolumbiens Regierung und den FARC-Rebellen nehmen mit Enttäuschung das Nein-Votum des Volks zur Kenntnis.

KEYSTONE/AP/ARIANA CUBILLOS

Nach der unerwarteten Ablehnung des Friedensabkommens mit den Rebellen der Farc sucht die kolumbianische Regierung unter Hochdruck nach einer Lösung, um den Friedensprozess mit der Linksguerilla noch zu retten. Ein Scheitern des Referendums hatten weder Präsident Juan Manuel Santos noch sein rechter Widersacher Álvaro Uribe vorausgesehen. «Niemand hat einen Plan B, das Land steht vor einem totalen Chaos», sagt Alejo Vargas, Friedensforscher an der Nationalen Universität in Bogotá.

Dabei drängt die Zeit. Die geschätzt 7000 Kämpfer der Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens (Farc) haben ihre Waffen noch nicht abgegeben, aber zum grossen Teil ihre Lager in den Bergen und Dschungeln Kolumbiens bereits verlassen und sich in die Zonen begeben, wo sie demobilisieren sollten. «Das ist der Brexit auf kolumbianisch, nur mit Waffen und Gewalt», sagt León Valencia, Direktor der Stiftung Paz y Reconciliación (Frieden und Versöhnung). Uns stehen gefährliche und völlig unsichere Wochen bevor».

Der entscheidende Faktor sind die Farc

Die Regierung muss nun die Gegner ihres Friedensabkommens in die Suche nach einem Ausweg einbinden, um mehr Akzeptanz auch in der Bevölkerung zu erzielen. Sowohl Präsident Santos als auch sein Vorgänger und Chef der rechten Oppositionspartei «Centro Democrático» Uribe sprachen sich für einen grossen nationalen Pakt aus, an dem alle politischen Kräfte mitarbeiten sollten. Uribe, der als Präsident zwischen 2002 und 2010 die Farc massiv bekämpft und erheblich geschwächt hatte, verlangt vor allem bei der Frage der Straferleichterung für die Rebellen Konzessionen. Er fordert zum einen Haft für die Guerilleros; zum anderen will er ihnen den Weg in die Politik versperren. Es ist aber wenig wahrscheinlich, dass die Farc solch gravierende Veränderungen an dem fast 300 Seiten starken Vertragswerk akzeptieren würden, auch wenn sie ihr Festhalten an dem Friedensprozess bekundet haben. Für die Rebellen war bisher die Frage der Haftstrafen nicht verhandelbar.

Für Experten wie León Valencia sind daher die Farc der entscheidende Faktor bei der Suche nach einem Ausweg aus der Sackgasse. Er hält es für möglich, dass sich die Rebellen mit der kleineren Linksguerilla ELN zu einer neuen aufständischen Gruppierung zusammenschliessen und wieder zu den Waffen greifen. Andere Experten vermuten, die Führungsebene der Rebellen könnte sich in Drittländer ins Exil absetzen, während die Kämpfer sich entweder der ELN anschliessen oder als kriminelle Bande weitermachen und sich im Drogenhandel, dem illegalen Bergbau oder der Schutzgelderpressung verdingen.

Die Ablehnung des Friedensabkommens mit den Farc-Rebellen ist eine Entscheidung der Bevölkerung aus Angst und Wut. Für die Mehrheit der Kolumbianer ist es schlicht nicht vorstellbar, dass die Guerilleros den kürzesten Weg aus den Schützengräben in die Parlamente nehmen und dabei nicht einen einzigen Tag den Umweg über ein Gefängnis gehen. Sie trauen den Rebellen nicht und sie wollen sie genau so leiden sehen, wie sie selbst gelitten haben in einem halben Jahrhundert kriegerischer Auseinandersetzung.

Der Wunsch nach Rache ist grösser als die Sehnsucht nach Frieden

Seit gestern weiss man, dass der Wunsch nach Rache der Kolumbianer noch viel grösser ist als ihre Sehnsucht nach Frieden. Das ist nach fast 19 000 Tagen Krieg eine bedenkliche und erschütternde Bestandsaufnahme, sagt aber alles über den Zustand des Landes und der Gesellschaft aus. Der Krieg hat das Land nicht nur wirtschaftlich ausgeblutet, sondern auch bis in die Grundfesten gespalten. Es wird mehr als eine Generation brauchen, bis die Kolumbianer bereit sind zu vergeben, zu verstehen und sich zu versöhnen. Man kann es sogar ein Stück weit verstehen: Zu schwer waren die Verbrechen, welche die Rebellen im Namen eines angeblich gerechten Kampfes für eine bessere Gesellschaft begangen haben.

Eines Tages aber werden die Kolumbianer bereit sein, Politiker zu akzeptieren, die früher einmal mit Waffen für ihre Argumente kämpften. Es ist ein unabdingbarer Bestandteil eines Friedensprozesses mit bewaffneten Aufständischen. Und in Lateinamerika haben es frühere Guerilleros nicht nur in Parlamente und zu Ministern gebracht, sie sind sogar – wie in El Salvador und Brasilien – Präsidenten geworden. Aber bis dahin hat Kolumbien noch einen langen Weg vor sich.