Analyse zum Klimawandel
Eine andere Herausforderung

In seiner Analyse zur Debatte um den Klimawandel und warum wir lieber nichts tun schreibt Christoph Bopp: «Technische Probleme werden technisch angegangen, indem man das technische Prinzip weiterverfolgt.»

christoph bopp
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Die meisten Leute räumen ein, dass die Temperaturzunahme in den letzten 150 Jahren wirklich ziemlich plötzlich anmutet und eigentlich etwas getan werden müsste.

Die meisten Leute räumen ein, dass die Temperaturzunahme in den letzten 150 Jahren wirklich ziemlich plötzlich anmutet und eigentlich etwas getan werden müsste.

KEYSTONE/DOMINIC STEINMANN

Dass der Klimawandel in der Öffentlichkeit nicht wahrgenommen würde, kann man nicht behaupten. Sogar US-Präsident Donald Trump musste kürzlich zugeben, dass «da in der Tat etwas vor sich geht». Das Thema ist präsent, aber die Wahrnehmung trotzdem ein Problem.

Die internationale Forschergemeinde lancierte letzte Woche einen Klimabericht, der prüfen sollte, ob man nicht versuchen sollte, die Erderwärmung auf 1,5 Grad statt auf 2 Grad zu beschränken. Auf 2 Grad hatte sich die Klimakonferenz von Paris im Jahr 2015 geeinigt. Der IPCC lieferte brav seinen Bericht: Natürlich, wäre das möglich, wenn auch sehr schwierig. Von der Behörde erwartet natürlich keiner eine andere Antwort. Auch wenn die Realität so ist, dass beide Ziele eher im Bereich des Illusorischen liegen. Die Reduktionsangebote der Staaten, die bisher abgegeben wurden, sprechen nicht für 2 Grad, eher für 3 bis 4 Grad.

Die Naturwissenschaft erlaubt Prognosen, aber nicht für alles und nicht für lange Zeiträume. Sondern sie versucht, die Daten so zu modellieren, dass sie einigermassen gesicherte Prognosewerte liefern. Man kann bestreiten, dass es den Treibhauseffekt gibt; man kann bestreiten, dass CO2 oder andere Gase Klimagase sind; man negiert, dass die Menschen schuld sind – dies alles läuft darauf hinaus, dass keine Aktion notwendig ist. Unterstützt wird das durch eher verschwörungstheoretisch anmutende Argumente, dass der Klimawandel eine Lüge sei, um Geld damit zu verdienen.

Das Problem wird als rein technisches Problem gesehen

Das ist eine Linie, welche nur wenige wirklich ernsthaft verfolgen. Die meisten Leute räumen ein, dass die Temperaturzunahme in den letzten 150 Jahren wirklich ziemlich plötzlich anmutet und eigentlich etwas getan werden müsste. Auf einen Nenner gebracht: Okay, wir haben ein Problem. Aber wie wollen wir das lösen? Dieses Fazit und die Frage danach könnten zwei Hinweise geben, warum der Wille, wirklich zu handeln, in der breiten Öffentlichkeit immer noch eher schwach ist. Der erste Hinweis ist ein direktes Wahrnehmungsproblem. Wir sehen den Klimawandel als ein technisches Problem. Technische Probleme löst man durch technische Massnahmen. Dazu würde auch die Reduktion der Emissionen gehören. Aber das technische Denken ist auch ein lineares Denken. Es denkt in Input und Output, die mehr oder weniger fest miteinander gekoppelt sind. Dass es in der Natur mehr nicht-lineare Systeme als andere gibt, wird ausgeblendet. Dass das Klimasystem nicht-linear ist, darüber brauchen wir nicht zu diskutieren. Aber über Kipp-Punkte und dergleichen, bei denen das System völlig unvorhersehbar reagiert, reden wir nicht. Stattdessen bringen wir das Argument der Menge: Die Schweiz ist klein, unser Ausstoss vernachlässigbar, die Kosten für eine Reduktion deshalb unzumutbar.

Eine andere Art der Herausforderung: die vertikale

Technische Probleme werden technisch angegangen, indem man das technische Prinzip weiter verfolgt. Es geht darum, wie der Philosoph Hans Blumenberg einmal formulierte, «das Prinzip der Technizität zu vollstrecken, nicht aufzugeben». Wenn der Mensch am Fliessband leidet, stellen wir Roboter hin. Leider verbietet sich das sogenannte Geo-Engineering. Dafür wissen wir eindeutig zu wenig, das Risiko, noch mehr Unvorherzusehendes zu produzieren, ist zu gross.

Katastrophen haben die Eigenschaft, dass sie selten vorkommen (eine niedrige Eintretenswahrscheinlichkeit haben) oder weit entfernt scheinen (noch sind sie nicht da). Aber sie kosten sehr viel. So viel, dass man das gar nicht ins Denken einbezieht. Wir haben es also hier mit einer anderen Art der Herausforderung zu tun. Das technische Denken geht die Probleme «horizontal» an. Sie liegen vor uns, wir lösen sie. Hier scheint eine «vertikale» Herausforderung vorzuliegen. Peter Sloterdijk beschrieb das in seinem Buch«Du musst dein Leben ändern» als etwas, das «vom Himmel stürzt, um die Strasse vor mir in einen Abgrund zu verwandeln». Sloterdijk spottet in seinem Buch über die These der «Wiederkehr der Religion». Das ist in der Tat zu einfach, und hier von pseudo- oder gar von richtig religiös zu reden, trifft es nicht richtig. Aber dass dieses Problem keines ist, das mit ein paar Drehungen an ein paar Schrauben gelöst werden kann, das wäre eine gewiss nützliche Einsicht.

christoph.bopp@chmedia.ch