Kolumne
Ein Loblied auf die Monotonie

Monotonie ist essenziell. Mir wurde das letzthin bewusst, als ich ein Musikstück hörte – und es schon fast manisch wieder und wieder hören musste. «Sonny’s Slow Walk» vom Album «Faces & Places, Vol. 2» von Sonny Boy Williamson II & The Animals, aufgenommen am Silvesterabend 1963 in einem Club im Nordosten von England. Meine diesem Stück entlang selbst gebastelte Theorie möchte ich gerne mit Ihnen teilen, stellen Sie sich also vor:

Reeto von Gunten
Reeto von Gunten
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Reeto von Gunten über die Monotonie.

Reeto von Gunten über die Monotonie.

Ein Club ohne Musik, dafür mit Rauch und erwartungsvollem Publikum. Durch das Stimmengewirr die Stimme des Einzählers «One, two – one, two, three, four». Dann rollt die Band den Teppich aus: eine sich ständig wiederholende, immer gleiche, rhythmische Melodienfolge – ein Bluesschema, tausendfach gehört und so tief ins kulturelle Selbstverständnis eingebrannt, dass ein einziger Takt ausreichen würde, um den Rest von einem Kind zu Ende singen zu lassen. Die einstudierte Hörroutine verfolgt jedoch einen Plan: Sie will das Publikum in eine vermeintliche Sicherheit einlullen, um es unbemerkt dorthin zu bringen, wo sie es hinbekommen will – zum Bruch.

Als ob sich die Gewissheit über die Zukunft in Luft aufgelöst hätte

Die letzten drei Takte des absehbaren Rasters werden weggelassen, die Rhythmusgruppe stellt ihren Betrieb einfach ein. Komplett unerwartet und eiskalt. Es ist, als ob sich alle Vorahnung und damit die Gewissheit über die Zukunft in Luft aufgelöst hätte. Obwohl ich haargenau weiss, wie es weitergehen wird, habe ich doch keine Ahnung, ob und wann es dies tut. Es dauert nicht einmal eine Sekunde.

Dann wird der Teppich wieder ausgerollt, das Schema wiederholt sich und steuert zuverlässig auf den genau gleichen Bruch zu. Pause – und weiter. Ein Flickenteppich, also, als Rahmen um eine immer wiederkehrende Leere. Doch genau dort, in dieser Lücke, sitzt der Reiz des Verlangens, die immense Anziehungskraft des Unvollendeten, die Sehnsucht nach dem Unerreichbaren. – Und der Moment des Solisten.

Er parkiert seine Mundharmonika haargenau in die Aussparung, füllt sie mit Einfällen, Ideen, Verzierungen und Dreistigkeiten. Angetrieben von schöpferischem Mut und improvisatorischem Einfallsreichtum vertraut er einzig seiner Intuition, seinem Bauchgefühl. Virtuosität spielt keine Rolle, hier geht es um Groove, um Mut zur Haltung und zur Panne. Aufrichtigkeit, Soul und Feeling, nachlässig hingeschleudert von einer Mundharmonika. Und ich beginne mitzufühlen – und zu verstehen: Die Lücken sind kurz – und vorhersehbar. Aber es gilt, sie zu treffen und auszufüllen. Die Monotonie legt einen Teppich aus, der Lücken ermöglicht und so aufzeigt, wo Ideen entstehen. Das ist Sinn und Aufgabe der Monotonie. Sie ist Voraussetzung und Grundlage, um Neues zu ermöglichen.

Wir halten die Monotonie nicht mehr aus

Nur, der Monotonie wird kein Platz gegeben. Ich staune ob des Aufwands, der betrieben wird, um sie auszumerzen. Jedes noch so unscheinbare Aufflackern eines Moments ohne Ablenkung wird augenblicklich zugekleistert. Mit schrillen Bildern, billigen Sprüchen, hohlen Parolen und schlechter Comedy. Wir nehmen alles, bloss keine Monotonie. Dabei ist die sie einer unserer wichtigsten Daseinszustände. Ihr verdanken wir die Entwicklung eigener Ideen, erfinderische Kreativität, Kunst und all unser Wissen. Ohne sie gibt es keinen Moment der Verarbeitung, ohne das Vertiefen unserer Eindrücke und den dazu aufgekommenen Gedankensplittern findet keine Reflexion mehr statt. Alles wird ins Kurzzeitgedächtnis gepfercht, wo es so rasch wie nur möglich wieder mit neuem Kurzzeitfutter übertüncht werden muss. Doch so, ganz ohne Innehalten und Verarbeiten, drohen wir zu verrohen und zu verblöden, befürchte ich.

Ja, Monotonie ist langweilig. Doch sie kann uns zu jenen Momenten führen, aus denen Neues entsteht. Genauso, wie die Mundharmonika-Kapriziosen von Sonny Boy Williamson II, aufgenommen vor über 50 Jahren, in einem verrauchten Club im Nordosten von England. In weniger als drei Minuten entwirft er fast zwei Dutzend neue Ideen, um dann, ganz am Schluss, die Lücke wieder stehen zu lassen.