Gedanken
Ein Hauch weckt die Kindheit

In seinen Gedanken über die rätselhafte Wirkung von Musik auf unser Erinnerungsvermögen schreibt Max Dohner: «Unsere Erinnerung ist eine kapriziöse Gefährtin. Musik erhöht ihre Laune. Aber welche Erinnerung geweckt wird von Musik, ergibt oft keinen Sinn.»

Max Dohner
Max Dohner
Merken
Drucken
Teilen

Keystone

Nehmen Sie bitte das Tauchrohr und tauchen sie hier kurz ab: in einen Ozean der Wellen. Ein Meer allerdings ohne Wasser – wir tauchen ab in den Ozean der melodischen Wellen. Deren Strömung lässt vermuten, dass sie anderen Wellen hilft, durch uns zu fluten: den Wellen der Erinnerung. Auch Erinnerung ist ozeanisch. Ein endloses Strömen unter der Oberfläche. Den Eindruck muss bekommen, wer bedenkt, wohin die tausend Bilder, die wir täglich auf die Netzhaut bannen, überhaupt gespült werden? Wohin sie sinken. Meist auf Nimmerwiedersehen. Gibt es für alle angesammelten Bilder im Leben einen letzten Grund? Wenn ja, wer höbe unsere Erinnerungsbilder bei Gelegenheit dann wieder an die Oberfläche? Nicht zuletzt tut es Musik.

Den Geruchssinn als wohl feinsten, aber auch mächtigsten Helfer für Erinnerungen kennen wir alle. Es braucht nur den Anflug eines bestimmten Geruchs – und ganze Kapitel fallen uns wieder ein aus dem Leben. Detaillierte Milieus mit allen Menschen, die sich einst darin bewegt hatten und seither aus dem Gedächtnis schwanden wie Schatten. So roch ich eines Tages warme Chriesi-Steine. Und hatte sofort den Kachelofen meiner Grossmutter vor Augen, ihre Bauernstube, die schmale Treppe hinauf zu den eiskalten Kammern, wohin, eben um das Bett zu wärmen, Stoffsäcke mit ofenwarmen Chriesi-Steinen getragen wurden. Nur ein Hauch von Aroma hob die halbe Kindheit wieder heran.

Was im Geruch an Zauberkraft steckt für die Erinnerung, kann auch der Geschmackssinn enthalten. Berühmt ist jene Szene bei Proust, eine in Tee getunkte Madeleine: Sobald der erste, mit Gebäckkrümeln gemischte Schluck Tee den Gaumen des jungen Protagonisten berührt, überkommt ihn ein wundersames Glücksgefühl. Er trinkt einen zweiten und dritten Schluck, versucht dem Geheimnis, das sich mit dem Geschmack verbindet, auf die Spur zu kommen. Und plötzlich ist alle Erinnerung da. So anschaulich, derart reich und präzise, dass ein Roman daraus wurde mit Tausenden von Seiten, die geglückte «Suche nach der verlorenen Zeit».

Ein kleines Madeleine-Erlebnis sozusagen ist mir in den letzten Wochen ... zugestossen? Eher zugeströmt mit der sanften Kraft einer beiläufigen Welle. Ich hörte Musik, meist zu später Stunde, daher leise, rundum war es still. Natürlich tat ich nichts anderes gleichzeitig, hörte einzig nur Musik. Und bemerkte deswegen vielleicht, was mir so nie zuvor aufgefallen war: Auch Musik lässt uns Bilder der Erinnerung zuströmen. Nicht Empfindungen oder Gefühle, wie man vermuten würde, sondern ganz konkret: Szene-Tableaus, gestochen scharf wie einst die Dias von Kodachrome gewesen waren. Nicht in bestimmter Reihenfolge, auch nicht geordnet nach der Wichtigkeit, die solche Szenen in unserem Leben allenfalls gehabt hätten, sondern Chrut und Rüebli: Bedeutungsvolles neben Lachhaftem, Randständiges und Zufälliges neben Dingen, zu denen wir mit etwas Fantasie noch einen faden biografischen Sinn knüpfen konnten.

Verblüffend war die Zusammenhanglosigkeit dieser «Dias», die Musik ins Licht des inneren Kopfs geschoben hatte. Bei «So long, Marianne» von Leonard Cohen zeigte sich der kümmerliche Vorgarten einer überteuerten Mietwohnung eines Bekannten in Zürich-Leimbach; der Bekannte hatte die Wohnung vor über zwanzig Jahren gekündigt und war nach Ungarn gezogen; jenen Vorplatz hatte ich damals vielleicht eine Minute lang gesehen, ohne einen Ton von Cohen. Einige Zeit später tauchte eine Freiburger Bergbeiz auf, mit Langläufern zwischen verschneiten Tannen. Einmal war ich dort gewesen, ohne jedes Sentiment, um fortan nie wieder dran zu denken. Es lief gerade Hank Williams’ «Men with a broken heart». Es ergab keinen Sinn, mir ausgerechnet dieses Dia ausgerechnet jetzt zu zeigen. Also war das nur die kapriziöse Laune der Erinnerung, animiert durch Musik, aber in einer Weise, die wir lebenslang nie begreifen.

Wie wir beim Geruchs- und Geschmackssinn gesehen haben, spielen sich solche Dinge nicht nur persönlich im Kopf ab; so läufts allgemein. Die Hirnforschung lernt allmählich die Regionen kennen, wie die Dinge drin geschaltet werden. Es dürfte trotzdem ein Rätsel bleiben. Was aber feststeht, ist das: Welche innere Dimensionen und Kräfte lägen nicht in uns! Wie wenig aber horchen wir in die Wellen rein, die unser ganzes Leben enthalten – und uns auch wieder zu- spülen würden, wären wir bloss mal etwas still.

max.dohner@azmedien.ch