USA
Ein falscher Fokus auf Amokläufer

Die Berichterstattung im Nachgang zu einem schier unglaublichen Massaker in den Vereinigten Staaten gleicht sich.

Renzo Ruf, Washington
Renzo Ruf, Washington
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Marcio Jose Sanchez

Zuerst kommen die Augenzeugen zu Wort, die Überlebenden und die Hinterbliebenen, die herzzerreissende Geschichten erzählen (müssen) – über Leben und Tod, Glück im Unglück und Trauer.

Dann beginnen die Spekulationen über das Motiv des Attentäters. Ist er – es sind fast immer Männer, die wahllos Leben auslöschen – politisch aktiv, dann wird sein Fanatismus oder seine Religion für die Tat verantwortlich gemacht. Ist er unpolitisch, müssen Verwandte und Freunde bei der Suche nach einem Motiv mitanpacken.

Und dann kommt der makaberste Teil der Berichterstattung: die Quantifizierung des Geschehenen, womöglich gar in der Form einer Rangliste.

Vielleicht hilft dieses Ritual, ein schwer verständliches Ereignis einzuordnen. Experten wie der Kriminologe James Alan Fox, der sich auf Massenmörder spezialisiert hat, sagen aber schon lange, dass die mediale Grossberichterstattung kontraproduktiv sei. Erstens spornt sie Nachahmungstäter an. Und zweitens wird der Eindruck erweckt, dass solche Attentate «die neue Normalität» darstellen, wie es der altgediente Super-Polizist Bill Bratton formulierte.

Das ist aber gemäss den Kriminalstatistiken falsch. Die Zahl der Amokläufe nimmt auch in den USA nicht zu. Besser wäre es deshalb, die amerikanischen Medien würden sich auf den täglichen
Irrsinn konzentrieren, der sich in ihrem Land abspielt – auf die 4 Kinder und Teenager zum Beispiel, die (durchschnittlich) jeden Tag mithilfe von Schusswaffen ermordet werden.

ausland@azmedien.ch