FC Bayern München
Ein bisschen Frieden mit Don Carlo

Der FC Bayern München startet dieses Wochenende in die neue Bundesliga-Spielzeit. Vor allem der Wechsel auf der Trainerposition gibt zu reden. Kontrollfreak Guardiola ist weg. Mit Carlo Ancelotti kommt quasi dessen Gegenentwurf. Eine Analyse über den deutschen Rekordmeister.

François Schmid-Bechtel
François Schmid-Bechtel
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Fühlt sich an der Säbener Strasse wohl: Bayern-Coach Carlo Ancelotti.

Fühlt sich an der Säbener Strasse wohl: Bayern-Coach Carlo Ancelotti.

Nordwestschweiz

Pep, Pep, immer wieder Pep. Doch Pep Guardiola ist Geschichte. Zumindest bei Bayern München. Gekommen als Messias. Gegangen als Unvollendeter. Dazwischen liegen drei erfolgreiche Jahre mit drei Meistertiteln in der Bundesliga. Doch Erfolg auf nationaler Bühne ist Programm in München und die Frage nach dem Deutschen Meister in Rest-Deutschland obsolet. Guardiola verlässt München als Unvollendeter, weil es ihm nicht gelungen ist, die Champions League zu gewinnen.

Für Guardiola kommt Carlo Ancelotti. Der Italiener ist in vielerlei Hinsicht der Gegenentwurf zum Katalanen. Und das ist gut für den deutschen Rekordmeister. Der FC Bayern muss nach den schillernden Guardiola-Jahren etwas zur Ruhe kommen. Frieden, Freiheit, Harmonie und Entschleunigung. Dafür ist Ancelotti, der Bauernsohn aus der Emilia Romagna, der richtige Trainer.

Der FC Bayern braucht keine Revolution

Guardiola ist ein Kontrollfreak. Alles ist durchstrukturiert. Der Improvisation lässt er keinen Raum. Die Spieler haben nur einen Plan umzusetzen – seinen. Und er ist selbstverliebt. Wenn er einen Philipp Lahm vom Aussenverteidiger zum Mittelfeldspieler umfunktioniert, tut er das nicht nur zum Wohl der Mannschaft, sondern auch seinetwegen. Denn er ist beseelt davon, zu formen, Akzente zu setzen, Spuren zu hinterlassen. Dabei offenbart Guardiola bisweilen die egozentrischen Züge einer Hollywood-Diva, die das Scheinwerferlicht für sich allein beansprucht. Umso erstaunlicher, dass er drei Jahre im Münchner Starensemble ohne grösseren Eklat überstanden hat. Was zweifellos darauf schliessen lässt, dass er ein herausragender Trainer ist.

Ancelotti ist anders. Nicht weniger erfolgreich. Als Spieler und Trainer hat er fünfmal die Champions League gewonnen. Aber er ist ruhiger, unspektakulärer als sein Vorgänger. Fülliger um die Hüften, dafür auch unerschütterlicher und nicht so Ich-bezogen wie sein Vorgänger. Guardiola ist ein Visionär, Asket und Unruhestifter. Ancelotti dagegen ein Verwalter, Bonvivant und Friedensstifter. In einer Zeit, in der die aufstrebenden Coaches stur an ihrem Konzept festhalten und sich als ultimative Erneuerer sehen, wirkt der anpassungsfähige Ancelotti mit seiner Vorliebe für die Mannschaftshygiene wie ein Anachronismus. Dass er eine Nische besetzt, ist nicht zu seinem Nachteil.

«Ich bin nicht hier, um eine Revolution zu starten», sagte der 57-jährige Italiener bei seiner Vorstellung. Das passt. Einerseits, weil der FC Bayern nach der Guardiola-Progression keine Revolution braucht. Andererseits, weil diese Ansage authentisch ist, Ancelotti noch nie ein grosses Tamtam um seine Person gemacht hat und sich wohl selber bewusst ist, ein Trainer für die Gegenwart zu sein.

Ancelottis Ego konkurrenziert nicht mit jenem der Superstars
«Quiet Leadership» (stille Führungsqualitäten) heisst das Buch, das Ancelotti mit den Engländern Chris Brady und Mike Forde geschrieben hat. Darin offenbart der Trainer seine Philosophie. Fussball sei zwar ein Mannschaftssport, werde aber von Talenten gemacht. «Ein Coach muss sich dem grössten Talent im Team anpassen, nicht umgekehrt Es geht nicht darum, das Talent zu domestizieren, damit es zum Team passt, sondern umgekehrt das Team zu stärken, damit es zum Talent passt.»

Ancelotti ist ein Superstar. Also ein Trainer, dessen Ego nicht mit jenem der Superstars konkurrenzieren will. Cristiano Ronaldo nannte ihn mal einen grossen Bären und sagt: «Er gibt einem das Gefühl, man werde Teil seiner Familie.» Zlatan Ibrahimovic: «Du würdest für ihn töten.» Und David Beckham: «Paolo Maldini, Gennaro Gattuso und Filippo Inzaghi heulten wie Schlosshunde, als er ging.» Sie lieben ihn, die ganz Grossen. Und davon gibt es bei Bayern einige.
Ancelotti erklärt in «Quiet Leadership», warum er als Trainer von Real Madrid seine Lieblings-Taktik zugunsten von Ronaldo geändert hat: «Wie käme ich dazu, die Position eines Spielers, der pro Saison 60 Tore schiesst, gegen seinen Willen zu ändern?» Er will, dass seine Spieler sich wohlfühlen. «Dafür», so sagt er, «werde ich geholt.»

Und deswegen wird er auch entlassen. Das ist die Krux an der Geschichte. Weil ihm die reichen Klubbosse mit ihren grossen Egos sein Einfühlungsvermögen im Misserfolg als Schwäche auslegen. Ancelotti sagt dazu: Es sei falsch, seinen Ansatz
mit Nachgiebigkeit oder Schwäche zu verwechseln.

Bei Bayern ist die Gefahr des Misserfolgs klein. Einerseits, weil in der Bundesliga schon seit einigen Jahren kein ernsthafter Konkurrent in Sichtweite ist, der Klub sich auf diese Saison mit Mats Hummels und dem portugiesischen Supertalent Renato Sanches vorzüglich verstärkt hat. Andererseits die Chefetage der Bayern nach dem quengelnden Guardiola sowieso gerade sehr viel Lust hat auf Don Carlo mit seinem ausgeprägten Familiensinn. Bayern und Ancelotti – oder der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.