Gastkommentar
Ein Bestand von 300 000 stimmt

Gastkommentar zur Debatte über die Wehrhaftigkeit und Rolle der Schweizer Armee.

Peter Schneider
Peter Schneider
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Ein Gesamtbestand von etwa 300 000 Frauen und Männern dürfte in der Grössenordnung stimmen. (Symbolbild)

Ein Gesamtbestand von etwa 300 000 Frauen und Männern dürfte in der Grössenordnung stimmen. (Symbolbild)

Keystone/DOMINIC STEINMANN

Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt» (Schiller, Wilhelm Tell) ist aktueller denn je, im Mittleren Osten und in Afrika, aber auch in Europa, so etwa bei der Besetzung der Krim durch Russland (2014).

Krieg und Krise sind omnipräsent, akut oder latent. Moderne Kriege sind komplexer und diffuser. Sie finden gleichzeitig im Innern und an der Grenze statt, mit allen Mitteln und Methoden, die dem Gegner Schaden zufügen und ihn lähmen können; die Krim stellt dafür ein Schulbeispiel dar. Der lang anhaltende Frieden macht träge; es ist bequemer, die beiden Weltkriege, den Kalten Krieg, den weiterhin schwelenden Krieg im Balkan oder den drei Wochen dauernden Cyberangriff auf staatliche und privatwirtschaftliche Institutionen in Estland im Jahr 2007 zu ignorieren.

Der Sicherheitspolitische Bericht 2016 nennt eine umfassende Liste von Gefahren und Bedrohungen für die Schweiz; er räumt der Verteidigungsfähigkeit wieder deutlich mehr Platz ein als frühere Berichte. Zudem gilt Artikel 58 der Bundesverfassung (BV) nach wie vor. Erstens: «Die Schweiz hat eine Armee. Diese ist grundsätzlich nach dem Milizprinzip organisiert.» Und zweitens: «Die Armee dient der Kriegsverhinderung und trägt bei zur Erhaltung des Friedens; sie verteidigt das Land und seine Bevölkerung ...».

Das Prinzip der Milizarmee ist unbestritten, die Wehrpflicht wurde am 22. September 2013 von 73,2 Prozent der Abstimmenden bestätigt. In unserem dicht besiedelten und hochgradig vernetzten und industrialisierten Land kann nur Kriegsverhinderung, also eine Strategie der Dissuasion, Sinn machen. Umso unverständlicher ist die eingeleitete «Weiterentwicklung der Armee (WEA)», deren Bestand von 100 000 Mann diesen Vorgaben in keiner Weise entspricht.

Das Einbringen der zivilen Aus- und Weiterbildung sowie Erfahrung stellt den eigentlichen Trumpf der Miliz dar; sie ist damit jeder Berufsarmee überlegen, unter der Voraussetzung, dass ein sehr hoher Anteil der Pflichtigen den Dienst über Jahre leistet. Berufswechsel und lange Weiterbildungen sind heute normal; dieses Wissen und Können geht bei den geplanten nur sechs Wiederholungskursen für die Armee ganz verloren. Eine rigorose Aushebung, die differenzierte Tauglichkeit einschliesst, sowie eine massive Reduktion des Zivildienstes durch Wiedereinführung von ernsthaften Prüfungen erhöhen den Bestand und tragen zur Wehrgerechtigkeit bei.

Ein gegenüber der WEA wesentlich höherer Armeebestand ist notwendig. Die Objekte von nationaler Bedeutung zu bewachen und gleichzeitig Einbrüche über wesentliche Grenzabschnitte zu verhindern, dazu wichtige Achsen und Transversalen zu schützen, erfordert in einer lange dauernden Kriegs- oder kriegsähnlichen Lage, mit den für die Wirtschaft notwendigen Ablösungen, eine Grössenordnung von 200 000 Mann; die stillgelegten und liquidierten modernen Waffensysteme werden uns dazu schmerzhaft fehlen!

Dazu kommen alle unterstützenden und logistischen Mittel sowie selbstverständlich die Luftwaffe. Ein Gesamtbestand von etwa 300 000 Frauen und Männern dürfte in der Grössenordnung stimmen, also weniger als die Hälfte des Bestandes der
Armee 61, den wir im Kalten Krieg als notwendig erachteten.

Dank guter Ausbildung kann das Grundhandwerk in kurzen Schulen und Kursen gelernt werden, nicht aber Polyvalenz. Der (Kampf-)Infanterist hat mit seinen Waffen und anspruchsvollen Fahrzeugen bis hin zum Radschützenpanzer mehr denn genug zu tun, das gilt aber auch für den (Territorial-) Infanteristen, den wir dringend wieder benötigen; seine Aufgaben sind ebenso anspruchsvoll, aber gründlich verschieden; beides gleichzeitig geht nicht.

In der normalen Lage muss die Armee zum Schutz der Bevölkerung bei einer Grosskatastrophe beitragen können. Dazu müssen permanent genügend Formationen im Dienst sein, um aus dem Stand handeln zu können, allerdings wurden zahlreiche Einrichtungen dazu aufgegeben. Durchdiener sind eigentlich systemfremd und sollten auf ein Minimum reduziert werden.

Unser Land war dreimal nicht bereit (1870, 1914, 1939), wir stehen mit der WEA noch wesentlich schlechter da. Es ist Zeit, aufzuhören, sich hinter der Universalausrede des «politisch Machbaren» zu verstecken, und dafür endlich zu tun, was für die Sicherheit unseres Landes und seiner Bewohner notwendig ist.

Der Autor war bis Ende 2015 Chefredaktor der ASMZ (Allgemeine Schweizerische Militärzeitschrift), dem offiziellen Organ der Schweizerischen Offiziersgesellschaft.