Fussball-WM
Ein anderes Russland?

In ihrem Gastkommentar schreibt die freie Journalistin und Russland-Expertin Inna Hartwich über Putins Propagandaspiele.

Inna Hartwich
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Plötzlich durfte öffentlich gefeiert werden, ohne Befehl von oben: Russische Fussballfans in Moskau.

Plötzlich durfte öffentlich gefeiert werden, ohne Befehl von oben: Russische Fussballfans in Moskau.

Gleb Garanich/Reuters

Sie können feiern, die Russen. Ausgelassen, emotional, lange. Sie konnten das bereits vor dieser Fussball-Weltmeisterschaft, allerdings stets im Privaten. Die WM spülte diese Feierfreude hinaus auf die Strasse, in die Öffentlichkeit, liess sie auf all die Lateinamerikaner, die Europäer, die Afrikaner, die Asiaten treffen und zeigte der Welt dadurch das, was diese Welt nicht erwartet hatte, was die Russen selbst nicht erwartet hatten: ein vermeintlich neues russisches Gesicht. Nicht das mürrische, das graue. Es zeigte sich zugänglich und aufgeschlossen.

Die Fussball-Weltmeisterschaft ist für Russland zu einem Sommermärchen geworden. So wie die Deutschen vor zwölf Jahren ihre Liebe zur eigenen Nation entdeckten und sie freudig feiernd zur Schau trugen, so entdeckten die Russen in diesem Monat die Leichtigkeit samt der Liebe zu ihrer Nationalmannschaft, der Liebe zum Fussball. Vor allem aber zerstörten all die Bilder fröhlich tanzender WM-Gäste die Illusion eines von Feinden umgebenen Russland.

Die Russen, zumindest die, die diese Stimmung der Unbekümmertheit erlebten, in Moskau, in St. Petersburg, in Saransk, Kaliningrad oder auch Nischni Nowgorod, begriffen, dass die Welt ihnen wohlgesonnener ist, als das das Staatsfernsehen jeden Tag in ihre Köpfe zu pressen versucht. Sie verstanden, dass der Respekt für ein Land nicht mit Waffen zu erwerben ist, sondern auch wunderbar mit Offenheit und Gastfreundschaft funktioniert.

Auf der einen wie auf der anderen Seite rückte die WM einige Vorstellungen zurecht: Russland erscheint nicht mehr als ein fernes Land, in dem Bären auf den Strassen herumlaufen, «der Westen» verliert mit all den tanzenden und singenden Ausländern an Bedrohung.

Natürlich gelten Sportereignisse als eine Art Soft Power für ein Land. Schon die Olympischen Spiele 2014 in Sotschi, das Prestige-Projekt des russischen Präsidenten Wladimir Putin, sollten Russland in ein positives Licht rücken. Geglückt war es nicht – zu hohe Kosten, das systematische Doping der Russen, die darauf folgende Krim-Annexion.

Die Fussball-WM war von Anfang an anders: In einem Land, das eher das Eishockey feiert, hatte niemand Erfolge seiner als desolat erscheinenden Fussball-Nationalmannschaft erwartet. Selbst der Präsident liess sich lediglich zum Eröffnungsspiel im Stadion blicken, zu gross schien die Sorge gewesen zu sein, mit Misserfolgen in Verbindung gebracht zu werden. Die Sbornaja aber überraschte alle, und plötzlich durfte öffentlich gefeiert werden, ohne dazu einen Befehl von oben zu erhalten, wie es sonst bei öffentlichen Feiern im Land der Fall ist.

Der Fussball verband unterschiedliche Gruppen einer atomisierten Gesellschaft, er liess die Russen durchatmen, liess sie den positiven Schock erleben, der sie für eine kurze Zeit miteinander verband. Sie spürten in diesem Moment, dass die Lüftungsklappe sich bereits bald wieder schiessen könnte. Also probten sie – relativ zurückhaltend – den Ungehorsam, wissend, dass die Macht dem Gast aus dem Ausland mehr erlaubt und durchgehen lässt, als sie es beim eigenen Bürger tut, ein seit den Sowjetzeiten gängiges Verhalten.

Die Menschen, Gäste wie Einheimische, feiern noch bis Sonntag Karneval in seinem tieferen Sinn. Sie hebeln die Regeln auf und probieren hinter Masken neue Rollen aus, geben sich dem Rausch hin und lassen den Druck aus dem Kessel. Die WM ist gerade in einem autoritär regierten Land wie Russland ein praktisches Ventil – nach innen wie nach aussen.

Nach dem Karneval aber beginnt das Fasten. Daran erinnern Russlands Mächtige auch während der WM. Die freundlich lächelnden Polizisten hier führen dort ernst blickend Menschenrechtler aus der Feiermenge, wenn diese Plakate mit politischen Botschaften ausrollen.

Die russische Justiz sperrte pünktlich zum Sportfest Juri Dmitrijew, den prominenten Erforscher des Stalin-Terrors, ein. Sie lässt auch den ukrainischen Regisseur Oleg Senzow, der nach einem hanebüchenen Urteil in Russlands hohem Norden für 20 Jahre eingesperrt ist und seit bald zwei Monaten hungert, nicht frei.

Die Regierung erhöht das Rentenalter und setzt darauf, dass der Unmut darüber im Jubel über die Tore untergeht. Die WM als Hoffnung auf ein anderes Russland? Auf mehr Freiheit? Ein hübsches Trugbild.