Altersreform
Die Sozialpartner müssen vorangehen

Ein Gastkommentar von Stefan Studer, Geschäftsführer der Angestellten Schweiz, zur Altersreform.

Stefan Studer
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Ist die gescheiterte grosse Altersreform von Bundespräsident Alain Berset eine Chance für die Sozialpartnerschaft?

Ist die gescheiterte grosse Altersreform von Bundespräsident Alain Berset eine Chance für die Sozialpartnerschaft?

Hanspeter Bärtschi

Ist die gescheiterte grosse Altersreform von Bundespräsident Alain Berset eine Chance für die Sozialpartnerschaft? Zu hoffen wäre es und die Angestellten Schweiz würden dazu Hand bieten. Drei Monate nach dem Volks-Nein hatte Innenminister Berset klargemacht, dass die AHV-Reform dringender ist und deshalb von der Reform der beruflichen Vorsorge abgekoppelt werden soll. Explizit forderte er die Sozialpartner dazu auf, die 2. Säule ohne Mitwirkung der Politik zu reformieren und zu stabilisieren.

Meiner Ansicht nach sind Lösungen zur Stabilisierung der Pensionskassen angesichts der demografischen Entwicklung mindestens so dringend wie die AHV-Reform. Je rascher zum Beispiel der Umwandlungssatz bei der 2. Säule gesenkt wird, desto weniger schmerzhaft werden die unumgänglichen Anpassungen ausfallen.

Deshalb müssen die Sozialpartner rasch in konkrete Verhandlungen eintreten. Das gute Börsenjahr 2017 sollte dabei nicht über den Handlungsbedarf bei den Pensionskassen hinwegtäuschen. Zumal eine Korrektur oder gar ein Börsencrash immer wahrscheinlicher werden.

Natürlich können die nötigen Weichenstellungen in der 2. Säule nicht losgelöst von der Ausgestaltung der AHV-Reform angegangen werden. Aber es bleibt schlicht nicht mehr die Zeit, in den ideologischen und politischen Schützengräben der Vergangenheit zu verharren. Gefragt sind neue Ideen und Kompromisse, nicht einseitige Diktate.

Schauen wir doch den Tatsachen ins Auge: Beim Umwandlungssatz hat uns die Realität längst ein- und überholt. Die paritätisch zusammengesetzten Stiftungsräte diverser Pensionskassen haben den Satz bereits auf 5,5 oder 5,0 Prozent (oder noch tiefer) gesenkt, um die strukturelle Schieflage ihrer Kassen aufzufangen. Die angestrebte Senkung des Umwandlungssatzes von 6,8 auf 6,0 Prozent für den obligatorischen Teil des Pensionskassenkapitals ist derweil noch immer nicht vollzogen.

Hier könnten die Sozialpartner in die Lücke springen und die auf die lange Bank geschobene politische Lösung vorwegnehmen. Angesichts der demografischen Entwicklung hätte ich es persönlich zwar begrüsst, wenn in der 1. Säule eine Anhebung des Rentenalters für Mann und Frau auf 66 oder 67 Jahre nicht zum Tabuthema geworden wäre. Aber leider fehlte der Politik der Mut, den Tatsachen in die Augen zu schauen. Und zwar hüben wie drüben. Nun gilt es, die Flexibilisierung des Rentenalters durch die Sozialpartner zu vereinbaren und auszugestalten.

Die Reform der 2. Säule an die Sozialpartner zu delegieren, macht auch aus einem andern Grund Sinn: Die Herausforderungen der digitalen Revolution können nämlich nur gemeistert werden, wenn sich die Sozialpartner neu ausrichten. Bereits heute zeigt sich, dass in von der Digitalisierung besonders betroffenen Branchen die traditionelle Sozialpartnerschaft kaum mehr funktioniert.

Immer mehr Arbeitnehmer werden künftig zu Selbstständigerwerbenden, also zu einer Art Kleinunternehmer mit mehr Autonomie und Eigenverantwortung. Oder sie werden frühzeitig in Rente geschickt, weil sie die gestiegenen Anforderungen nicht mehr erfüllen können.

Noch sind 80 Prozent der Erwerbstätigen in der Schweiz festangestellt. Doch Digitalisierung und Vernetzung beschleunigen das Tempo der Globalisierung und verlangen von den Unternehmen eine ständige Anpassung ihrer Organisation. Diesen Umbruch, der die Beziehung zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern fundamental verändern dürfte, können die Sozialpartner nur gemeinsam bewältigen.

Die Vergangenheit hat gezeigt: Das Zusammenwirken der Sozialpartner hat Wohlstand geschaffen und der Schweizer Wirtschaft geholfen, konkurrenz- und anpassungsfähig zu bleiben. Eine Voraussetzung dafür ist der flexible Arbeitsmarkt, der jedoch sozial abgesichert ist. Auf dieser Grundlage müssen sich die Sozialpartner finden, um Reformen bei der Altersvorsorge und der Digitalisierung umzusetzen und voranzutreiben. Darin liegt die Chance der Sozialpartnerschaft der Zukunft.