YB-Höhenflug
Die Sehnsucht nach dem Titel treibt YB an

Eine Analyse von «Nordwestschweiz»-Sportchef Etienne Wuillemin zum Höhenflug von YB in der Fussball-Meisterschaft.

Etienne Wuillemin
Etienne Wuillemin
Merken
Drucken
Teilen
Etienne Wuillemin: «Die Veränderung von YB hat viel mit Sportchef Christoph Spycher zu tun.» (Archivbild)

Etienne Wuillemin: «Die Veränderung von YB hat viel mit Sportchef Christoph Spycher zu tun.» (Archivbild)

Mario Heller

Dies ist eine Geschichte über unerfüllte Sehnsucht. Über Jahre des ewigen Leidens. Über einen Verein, der manchmal das Gefühl erweckt, knappes Scheitern sei irgendwie auch erträglich. Es geht um Fussball. Und es geht um Titel. Also kann es nicht um YB gehen. Eigentlich. Weil YB seit 1987 keinen Titel mehr gewonnen hat. Aber vielleicht ändert sich das gerade. Es gibt genügend Anzeichen dafür. Nicht nur, dass YB in der Meisterschaft acht Punkte vor dem FC Basel liegt.

Die Veränderung von YB hat viel mit Christoph Spycher zu tun. Der Sportchef hat eine Ruhe in den Verein gebracht, die erstaunlich ist. Noch im September 2016 gleicht YB einem unendlichen Chaos. Gerade hat ein nächster Knall den Verein überrollt. Der Sportchef (Fredy Bickel) wird entlassen. Verwaltungsräte manövrieren sich selbst ins Abseits. Der neue Hoffnungsträger heisst Spycher.

Als er den Job einige Monate zuvor zum ersten Mal angeboten erhielt, lehnte er ab. Aus Loyalität zu Bickel, der ihn eingearbeitet hat. Erst als Bickel sowieso weg ist und Spycher erneut gefragt wird, sagt er zu. Das passt zu ihm und seinem Charakter. Spycher ist Spycher geblieben. So, wie er als Fussballer war. Ein Teamplayer. Der Mensch steht immer im Vordergrund. Er nimmt jeden ernst. Ist bodenständig. Gleichwohl platziert er bei seinem Amtsantritt eine unmissverständliche Botschaft: «Ich lasse nicht zu, dass sich in der Sache irgendwer einmischt.» Mit «irgendwer» sind vor allem Verwaltungsräte und das Investoren-Brüderpaar Rihs gemeint.

Seit diesem September 2016 geht es mit YB kontinuierlich bergauf. Spycher modelliert das Kader geschickt. Er löst Verträge mit teuren Problemfällen auf. Gleichzeitig lässt er im Sommer abwanderungswillige Spieler wie Zakaria, Mvogo oder Ravet gehen. Dafür ergänzt er das Team clever mit Zuzügen. Vorzugsweise mit jungen, hungrigen Spielern. Für diese Spieler hat Spycher Konzept und Rolle. Und er schenkt ihnen Vertrauen. Kurz: Vieles, was er tut, erinnert an die ehemalige Erfolgsführung des FC Basel.

Seine bisher herausragendste Leistung gelingt Spycher in diesem Winter. Im Wissen darum, dass man eine Mannschaft, die sich gefunden hat, nicht auseinanderreissen darf, gelingt es ihm dank seiner feinfühligen Art, alle Leistungsträger vom Bleiben und dem grossen, gemeinsamen Ziel (erster Meistertitel seit 1986) zu überzeugen. Ein internes Chaos um wechselwillige Spieler wie 2010 entsteht nicht. Dass – wie der «Tages-Anzeiger» schreibt – ein Schlüsselspieler wie Sulejmani dem FCB angeboten worden sein soll? Kein Thema. Keine Unruhe. Die Winterpause könnte das Meisterstück von Spycher werden.

Bemerkenswert ist auch das Wesen und Wirken von Trainer Adi Hütter. Er ist klar und direkt in seinen Ansagen. Es ist ihm gelungen, aus einer Ansammlung von Stars und Charakterköpfen einen guten Teamgeist zu modellieren. Dazu neigt er weder zu übermässiger Euphorie nach Siegen noch zu lähmender (vergangenheitsgetriebener) Versagensangst nach Niederlagen. Auch er ist trotz Verlockungen aus der Bundesliga vorerst in Bern geblieben.

Selbst im Umgang mit der eigenen Vergangenheit macht YB Fortschritte.
Natürlich, wer an YB und Titel denkt, ist seit je gewarnt, Prognosen nicht allzu voreilig zu stellen. Und auch in diesem Frühling wird YB noch das eine oder andere Mal mit den Geschichten der eigenen Vergangenheit konfrontiert werden. Es wird das Wort «veryoungboysen» noch über sich ergehen lassen müssen. Aber selbst im Umgang mit der eigenen Vergangenheit sind Spycher und seine Kollegen mittlerweile souverän. Sie lassen sie einfach zu. Und erklären sachlich, was sie nun besser machen wollen.

Als die Vorrunde zu Ende war, als YB zwei Punkte vor dem FC Basel lag, da waren die Meinungen über den Ausgang der Meisterschaft gemacht. Zuungunsten von YB. Doch mittlerweile erinnert man sich auch in Basel ein bisschen desillusioniert an die Demut der alten Vereinsführung. Derweil ist Bern ergriffen von Euphorie. Acht Punkte Vorsprung – dieses Mal muss es reichen. Das Gefühl von «Rang zwöi isch o suberi Büez», das Züri-West-Sänger und YB-Fan Kuno Lauener gerne betonte, weicht dem Hunger nach Erfolg. Die Zeit scheint gekommen.