Familienpolitik
Die Rushhour des Lebens entzerren

Margrit Stamm über eine neue Zeitpolitik des Lebenslaufes.

Margrit Stamm
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Ausbildung - Karriere und Familie - Ruhestand: Das gegenwärtige Lebenslaufregime bröckelt.

Ausbildung - Karriere und Familie - Ruhestand: Das gegenwärtige Lebenslaufregime bröckelt.

Keystone

Junge Familien sind nicht zu beneiden, ältere Menschen aber auch nicht. Beiden Gruppen gemeinsam ist, dass ihr Zeitbudget nicht mehr stimmt. Während Senioren oft im Übermass Zeit haben, um den Ruhestand irgendwie sinnvoll zu gestalten, ist für berufstätige Väter und Mütter mit kleinen Kindern die knappe Zeit das brennendste Problem ihrer Doppelbelastung. Sie sind permanent auf der Überholspur: Nach einer langen Ausbildung mussten sie sich in kurzer Zeit für einen geeigneten Partner, fürs Kinderkriegen und für den guten Job entscheiden und auch den nächsten Karriereschritt planen – all dies in der Rushhour zwischen 30 und 45. Deshalb fordert die Familienpolitik für sie ausreichende und bezahlbare familienergänzende Betreuungsmöglichkeiten, mehr Ganztagesschulen, mehr Teilzeitstellen sowie Möglichkeiten für Telearbeit und Homeoffice. Anders die Pensionierten. Sie sollen ihre neu gewonnene Zeit sinnvoll gestalten, beispielsweise länger berufstätig bleiben, sich ehrenamtlich engagieren oder Angebote an der Volkshochschule, der Seniorenuniversität oder im Fitnesscenter nutzen, um geistig und körperlich agil zu bleiben und sozial nicht zu verkümmern.

Die gewonnene Lebenszeit ersetzen wir durch freie Zeit

Diese Massnahmen lösen allerdings die Probleme des zeitlichen Zuviels oder Zuwenigs nicht, sie reduzieren lediglich die Belastung oder die Langeweile. Zeitmangel ist immer eine Familienbremse und ein Stressfaktor, ungenutzter Zeitüberfluss führt im Ruhestand zu einer Art Winterschlaf. In dieser Polarität der systematischen zeitlichen Über- und Unterforderung liegt das Grundproblem unserer Gesellschaft, es heisst «Dreiphasenmodell».

Dieses Modell geht davon aus, dass in Kindheit und Jugend gelernt, im Erwachsenenalter gearbeitet und Karriere gemacht werden soll, um dann den Ruhestand zu geniessen. Doch ist es eindeutig überholt. Denn die durch die erhöhte Lebenserwartung gewonnene Lebenszeit setzen wir lediglich in freie Zeit nach der Pensionierung um. Diese kann gut und gerne noch 20 gesunde Jahre betragen. Es liegt somit auf der Hand, dass eine neue Lebenslaufpolitik entwickelt werden muss, welche die gesamte Lebensspanne in den Blick nimmt und die Zeitbudgets und Optionen neu verteilt. Eltern sollten in der intensivsten Familienphase weniger, wenn der Auszug der Kinder und die Empty-Nest-Phase näherrückt jedoch wieder mehr arbeiten können. Diese Entzerrung der Rushhour kann gleichzeitig neue Perspektiven schaffen. Beispielsweise für die 45-jährige Dentalassistentin, die nach einer Familienpause wieder einsteigen will, oder für die 65-Jährigen, welche ausser der Grosselternrolle keine Aufgaben mehr haben und neu ihre vielen ungenutzten Kompetenzen sinnvoll einbringen könnten.

Das gegenwärtige Lebenslaufregime bröckelt

Eine neue Zeitpolitik dürfte auch für Männer attraktiv sein, wenn man möglicherweise mit 40 oder 45 Jahren feststellt, dass der gewählte Beruf als Lehrer oder als Polizist nicht mehr den eigenen Neigungen entspricht und sich durch einen Neuanfang in einem anderen Gebiet eine interessante Lebensperspektive aufbauen liesse.

Der Zeitpunkt ist reif, um neue Muster zu entwerfen, denn das gegenwärtige Lebenslaufregime bröckelt durch demografische Veränderungen, neue Rollenbilder und Stresserkrankungen. Das Berufsleben darf nicht mehr so strikt getaktet sein, sondern muss Unterbrechungen und Neuanfänge ermöglichen. Vor allem sollte individuell bestimmt werden können, wie man seine 35 bis 40 Berufsjahre gestalten will. Dann können Karrieren später gestartet werden und auch Frauen in der Nach-Erziehungsphase neue Aufstiegschancen bekommen. Eine solche Lebenslaufpolitik verabschiedet sich auch von der fixen Idee, dass man im Leben alles früh und gleichzeitig erreicht haben muss. Es ist falsch, Mütter andauernd aufzufordern, möglichst schnell wieder Vollzeit berufstätig zu sein, genauso falsch ist es, von Männern zu verlangen, dass sie in 80-Stunden-Wochen alle Anforderungen zwischen Beruf und Familie managen.

Die Entzerrung der Rushhour kann so zu einer emanzipatorischen Strategie werden, sich ohne schlechtes Gewissen in bestimmten Lebensphasen etwas zurückzunehmen oder sich zu verändern, um sich bis später wieder reinzuhängen und weiterzuentwickeln. Aber nur, wenn unsere Familienpolitik auch Zeitpolitik wird.

Margrit Stamm ist Professorin emerita für Pädagogische Psychologie und Erziehungswissenschaft an der Universität Fribourg und Direktorin des Forschungsinstituts Swiss Education in Bern.