Fahrländer
Die Lehrer-Ausbildung war früher besser? Das ist Quatsch

Hans Fahrländer war Chefredaktor der Aargauer Zeitung und schreibt über Aargauer Politik. Heute dreht sich seine Kolumne um die Lehrerausbildung und die Badenfahrt.

Hans Fahrländer
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Diese Woche gingen viele Schüler erstmals in ihrem Leben in die Schule, wie hier in Kestenholz.

Diese Woche gingen viele Schüler erstmals in ihrem Leben in die Schule, wie hier in Kestenholz.

Bruno Kissling

Erstes Thema der Woche: Brauchen Kindergärtnerinnen und Primarlehrerinnen einen Masterabschluss? Obwohl die Rektoren der Pädagogischen Hochschulen (PH) erst im Dezember einen entsprechenden Vorschlag präsentieren wollen, gehen die Wogen bereits hoch. Im Aargau hat sich auch die Regierung, im Rahmen einer Postulatsantwort, zur Sache geäussert: negativ. Wir teilen die Bedenken, die Studiumsverlängerung könnte geeignete junge Menschen vom Beruf abhalten. Doch die Debatte neigt, wie alle emotionalen Debatten, zur Pauschalisierung. So konnte man hören und lesen: Die Lehrer-Ausbildung sei viel zu theoretisch, das alte Seminar sei eine viel bessere Berufsvorbereitung gewesen.

Mit Verlaub: Das ist Quatsch. Abgesehen davon, dass die Politik seit über 30 Jahren «eine Lehrerbildung auf Hochschulniveau» gefordert hat, muss richtiggestellt werden: Mehr als ein Viertel ihres Studiums, weit mehr als im ehemaligen Seminar, befinden sich angehende Lehrerinnen und Lehrer heute in Praktika, sie arbeiten in Schulhäusern, bereiten vor und nach, unterrichten und besprechen mit ihrem Praxislehrer das Erlebte. Gerade die PH Nordwestschweiz ist bekannt für ihr praxisorientiertes Partnerschul-Modell. Was zu beweisen war: Oft werden Bedenken – auch berechtigte Bedenken – unterfüttert mit nostalgisch verfälschten Bildern und Vergleichen. Weil’s politisch grad so gut hineinpasst?

Zweites Thema der Woche: Baden bebt! Baden festet nur selten, dann dafür lang und heftig. Seit gestern Abend ist es wieder so weit: Baden fährt und hebt ab. Im Vorfeld der Badenfahrt war Kritisches zu hören, über Gigantismus, Kommerzialisierung und fehlende Originalität. Viele dieser Kritiken stammten allerdings von Menschen meiner Generation – «es isch nümm wie früehner!». Vielleicht müssen wir Alten einfach einsehen: Jede Generation festet anders, auf ihre Art. Erste Eindrücke zeigen im Übrigen: Neben Gigantomanisch-Kommerzialisiertem, das sich vorab an hergereiste Profi-Partygänger richtet, blüht nach wie vor Kreatives und Ausgefallenes. Der renitente Badener Humor lebt. Mal schauen, wer gewinnt. Vielleicht muss auch niemand gewinnen, sondern die beiden Fest-Arten, die kreative und die kommerzialisierte, leben nebeneinander. Baden ist gross genug. Gespannt sind wir auf die Nachwirkungen der zehntägigen Aufgekratztheit: Führt sie, wie frühere Auflagen, zu einem nachhaltigen Energieschub, wieder zu mehr Gestaltungswillen im kleinstädtischen Alltag, zu einer Befreiung des legendären Badener Geistes aus der Flasche? Baden bedarf dringend einer Revitalisierung – Aarau ist schon tüchtig am Überholen.