Medikamente
Die Konsumenten sind mündig

Andreas Möckli
Andreas Möckli
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Gerade mal 91 Produkte dürfen neben den bestehenden 146 Arzneimitteln neu auch im Quartierladen oder im Supermarkt verkauft werden. (Symbolbild)

Gerade mal 91 Produkte dürfen neben den bestehenden 146 Arzneimitteln neu auch im Quartierladen oder im Supermarkt verkauft werden. (Symbolbild)

KEYSTONE/GAETAN BALLY

Eine Revolution war zwar nicht geplant, doch immerhin ein kleiner Paradigmenwechsel. Baldriantropfen, Hustensirup oder Augentropfen hätten Konsumenten neu auch im Detailhandel kaufen können – nicht wie heute nur in Apotheken und Drogerien. Dafür machte sich vor allem die Migros stark, die im Gesundheitsmarkt stärker Fuss fassen will. Doch die zuständige Arzneimittelbehörde Swissmedic hatte kein Gehör. Gerade mal 91 Produkte dürfen neben den bestehenden 146 Arzneimitteln neu auch im Quartierladen oder im Supermarkt verkauft werden. Von den 91 neuen Präparaten sind über die Hälfte Gesundheitstees.

Unbestritten geht es der Migros vorwiegend um kommerzielle Interessen. Dennoch zeigt der Entscheid vor allem eines. Die Swissmedic hat ein äusserst bescheidenes Vertrauen in die Gesundheitskompetenz von Frau und Herr Schweizer. Die Behörde argumentiert mit der Arzneimittelsicherheit. Frei erhältlich sollen nur jene Produkte sein, die den Patienten nicht gefährden und keine Fachberatung benötigen. Mit Verlaub: Was bitte schön soll an Baldrian-Tropfen gefährlich sein? In der Packungsbeilage solcher Produkte heisst es denn auch, dass weder Anwendungseinschränkungen bekannt, noch besondere Vorsichtsmassnahmen notwendig sind. Auch die Bedrohung eines Hustensirups auf Basis von Thymian ist schwer erkennbar. Schliesslich dürfen ihn laut Packungsbeilage selbst Einjährige einnehmen.

Der Detailhandel würde mit einer liberaleren Haltung der Swissmedic keineswegs zu einer Abgabestelle gefährlicher Substanzen. Es geht lediglich um eine gewisse Lockerung für harmlose Arzneimittel. Schmerzmittel will niemand im Supermarkt sehen – selbst die Migros nicht. So gesehen ist der Bevölkerung eine gewisse Selbstverantwortung problemlos zuzutrauen. Hinzu kommt, dass die von Apothekern, Drogisten und Behörden fast schon heilig gesprochene Fachberatung nicht ganz so lückenlos ist wie oft dargestellt. Nicht selten erhält man ein Arzneimittel in einer Apotheke oder Drogerie ohne jede Frage des Personals. Könnten unbedenkliche Präparate künftig auch in der Migros oder im Coop gekauft werden, bliebe den Angestellten in Apotheken und Drogerien mehr Zeit für Beratung und Nachfragen. Damit wäre den Patienten mehr geholfen als heute.

andreas.moeckli@schweizamwochenende.ch