Sexismus
Die hochflexible, dünne rote Linie

Der Verkehr zwischen den Geschlechtern ist heute einer zwischen Menschen. Es gibt nur noch wenig Regeln.

christoph bopp
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Christoph Bopp

Christoph Bopp

AZ

Es gibt ein berühmtes Buch des Soziologen Norbert Elias. Es heisst «Der Prozess der Zivilisation». Der Titel sagt, was gemeint ist: Der Übergang von den Zeiten, als man noch totschlagen durfte, wer einen störte, zur grossen Jetztzeit, wo nicht mehr alles erlaubt ist. Und man sich wohlgeordnet und unter der Fuchtel von allgemeiner Moral und Strafgesetzbuch sittlich und brav verhält.

Leider liegt die Sache nicht so einfach. Was Elias untersuchte, waren die Benimmbücher. Seit der Renaissance und dem damaligen Hofleben waren Sitte und Conduct minutiös aufgezeichnet. Wer die Regeln kannte, gehörte dazu. Wer sie nicht kannte, den musste man nicht ernst nehmen. In diesen Benimmbüchern ist die Geschichte der Zivilisation zu finden. Oder anders: Die Linien, die man nicht überschreiten durfte. Sie waren fett und rot.

In den modernen Zeiten haben wir eine Linie nach der andern ausradiert. Einige sind noch schwach erkennbar, andere sind weg. Der Verkehr zwischen den Geschlechtern ist heute einer zwischen Menschen. Es gibt nur noch wenig Regeln. Preis und Risiko des sogenannten Fortschritts. Die offene Zone ist gross. Wie man sich dort richtig benimmt, liegt heute in mehr oder weniger freiem Ermessen. Dieses Ermessen wird spontan in der Interaktion abgesteckt. Die Linie ist noch da, aber sie ist dünn und sie ist flexibel. Sie wird aufgespannt zwischen zwei Personen. Dieses Aufspannen ist ein Prozess. Meist zu wenig reflektiert und bedacht. Es ist wie mit dem Respekt: Der wird heute auch eher erwartet als erwiesen.

christoph.bopp@azmedien.ch