Meiereien
Die grassierende Wetterbericht-Manie

Jörg Meier
Jörg Meier
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Ob auf dem Smartphone, im Radio oder im TV: Das Wetter begleitet uns auf allen Kanälen.

Ob auf dem Smartphone, im Radio oder im TV: Das Wetter begleitet uns auf allen Kanälen.

Keystone

Ein Mann, den ich recht gut kenne, benimmt sich schon seit längerem ziemlich seltsam. Man merkt ihm aber nichts an, äusserlich, meine ich. Seine Wetterbericht-Manie lässt sich nur durch eine sorgfältige Langzeitbeobachtung erkennen:

Wenn er am Morgen das Haus verlässt und zur Arbeit fährt, hat er sich schon mindestens viermal mit dem Wetter beschäftigt: Er hat seine Wetter-App konsultiert, die ihm meteorologische Daten über seine Lieblingsorte auf der ganzen Welt angibt. Er hat zudem die Wetterentwicklung in der Zeitung gelesen und zweimal den Wetterbericht des Experten und die dümmlichen Fragen des Moderators am Radio gehört.

Auf der Fahrt ins Büro liefert das Radio via Lokalsender noch zweimal das lokale Wetter, das ihn umgibt. Während der Arbeitszeit ist er zwar sehr diszipliniert, aber jede Nachrichtenseite, die er zwischendurch aufruft, meldet ihm auch gleich den aktuellen Stand des Wetters. Auf dem Nachhauseweg hört er wiederum das kommentierte Wetter der lokalen Sender. Abends muss er «Meteo» im Schweizer Staatsfernsehen gucken, er bleibt dann beim Durchzappen auch bei der Wetterfee des Regionalsenders hängen und kurz beim Wetterkobold im österreichischen Fernsehen. Und bevor er müde ins Bett sinkt, konsultiert er nochmals seine Wetter-App. Er muss wissen, wie das Wetter morgen sein wird. Obwohl das keine Rolle spielt, er sitzt ohnehin wieder den ganzen Tag im Büro.

So oder ähnlich verbringt der Mann täglich rund eine halbe Stunde mit dem Wetter und dem Reden darüber. Das sind dreieinhalb Stunden pro Woche. Oder 14 Stunden im Monat. Oder 168 Stunden im Jahr. Das sind vier Arbeitswochen. Wahnsinn. Das würden wir niemals tun.

joerg.meier@chmedia.ch