Negativzinsen
Die Enteignung der Sparer

Die Banken verlangen von Kleinsparern zwar keine Negativzinsen. Doch die Folgen bekommen sie trotzdem zu spüren.

Andreas Schaffner
Andreas Schaffner
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Negativzinsen stellen vieles auf den Kopf

Negativzinsen stellen vieles auf den Kopf

Roland Schmid

Der Negativzins. Vor knapp über einem Jahr wurde dieses Unding aus der Mottenkiste der Nationalbanktheoretiker geholt. Seither wirken die Gesetze der Wirtschaft wie aus den Angeln gehoben: Wer Geld ausleiht, soll noch dafür bezahlen. Über ein Jahr später sieht es danach aus, dass der geldpolitische Ausnahmezustand noch länger andauert. Diese «Neue Normalität» führt dazu, dass die Sparer schleichend enteignet werden. Sparer, damit sind die Banksparer gemeint, aber auch die Pensionskassen.

Tiefe Geldmarktzinsen haben wir ja schon länger. Damit haben die Notenbanker in den vergangenen Jahrzehnten versucht, die Wirtschaft ankurbeln. Los ging es damit vor allem nach der Krise der Nuller-Jahre. Noch stärker wurden die Zinsen nach der Finanzkrise 2008 gesenkt. In den USA gelang die Wende zum Besseren, in Europa noch nicht. Deshalb hat die Europäische Zentralbank letzte Woche noch einmal nachgelegt. Sie hat ihre Zinsen auf Null gesenkt, den Negativzins verschärft und will den Geldmarkt via Anleihenkaufprogramm mit noch mehr Euros überschwemmen. Die Schweizerische Nationalbank (SNB) musste in diesem Rennen um tiefere Zinsen mithalten. Dies um den Franken nicht noch mehr zu stärken und auch die Exportwirtschaft nicht noch mehr zu gefährden.

Abschreckung der Franken-Investoren scheint zu gelingen

Beim Negativzins, der vor über einem Jahr eingeführt wurde, ist es noch extremer: Wenn eine Bank bei der Nationalbank Geld parkiert, muss sie ab einer bestimmten Höhe einen Strafzins bezahlen. Diese Massnahme ist nicht als Stimulanz für die Wirtschaft gedacht, sondern vor allem als finanzielle Repression. Vor allem, um ausländische Anleger zu einer Verhaltensänderung zu bewegen. Sie sollen vom Kauf von Schweizer Franken abgeschreckt werden. Im vergangenen Jahr haben die Banken in der Schweiz rund 1,3 Milliarden an Strafzinsen der SNB bezahlt.

Die Banken verlangten zwar von den Kleinsparer keine Negativzinsen. Doch die Folgen dieser Entwicklung treffen die Sparer mehrfach: Zunächst spüren sie es bei den Sparzinsen. Die sind praktisch auf Null. Über die Gebühren verlieren die Sparer weiter Geld. Ausserdem werden sie als Hypothekarkunden belastet. Und die Zinsen für risikolose Papiere – Obligationen oder Anleihen — sinken auch gegen Null. Gefallen am Tiefzinsumfeld haben nur die Aktionäre und die Immobilienbesitzer.

Morgen wird die SNB entscheiden müssen, ob das Negativzins-Regime künftig noch strenger gehandhabt wird. Ob bei den Negativzinsen der Freibetrag für Banken kleiner wird. Schon heute warnen die Banker vor einem solchen Szenario: Irgend wann komme der Punkt, an dem die Sparer ihr Geld abziehen und in einem Tresor lagern. Noch ist das jedoch nicht so weit. Doch wo genau die Schmerzgrenze liegt, weiss niemand. Bis jetzt blieb es erstaunlich still.

Die Schweiz ist gefangen in einem geldpolitischen Experiment

Für den normalen Sparer ist es egal, ob die Inflation negativ ist und sie für ihr Geld mehr erhalten. Er sieht sein mühsam Erspartes weniger werden. Er sieht sich gefangen in einem geldpolitischen Experiment von einer noch nie da gewesener Dimension und mit offenem Ausgang. Er macht sich mit der Tatsache vertraut, dass es nach der Pensionierung zu einer bösen Überraschung kommen könnte.

Das Unbehagen über diesen Zustand hinterlässt Spuren. Der ehrliche Sparer, einst umworben, gehegt und gepflegt, wird zum Auslaufmodell. «Lassen Sie ihr Geld für Sie arbeiten», dieser Werbespruch der Kantonalbanken aus den neunziger Jahren, hallt noch nach. Wer nicht das nötige Anfangskapital hat, wird es schwer haben, an den Börsen mitzuspielen, ohne grosse Risiken eingehen.

Nach Jahren der Abschottung zeigen sich auch in der Schweiz die Spätfolgen der Eurokrise, die ihrerseits ja eine Spätfolge der Bankenkrise in den USA war. Die Zeche dafür bezahlen in ganz Europa die Sparer. Ob die Guten Zeiten je wieder zurückkommen, das ist alles andere
als gewiss. Im Gegenteil. Zur Zeit überwiegt die Meinung, dass sich auch die Sparer umorientieren muss.