Sprachriff
Der Wutbürger wird stigmatisiert

Heimito Nollé
Heimito Nollé
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Screenshot bild.de

Die Medien waren sich nach den Bundestagswahlen rasch einig: Die Wut hat gesiegt. Der viel zitierte «Wutbürger», vorwiegend im deutschen Osten beheimatet, hat seine Drohungen wahrgemacht und in Deutschland für einen Rechtsruck gesorgt. «Klatsche für Merkel, Debakel für Schulz, Schock-Erfolg für die AfD – Wutwahl!» titelte die deutsche «Bild»-Zeitung reisserisch.

Das Wort «Wutbürger» hat eine bemerkenswerte Karriere hingelegt. 2010 vom «Spiegel»-Journalisten Dirk Kurbjuweit in die Welt gesetzt, wurde es im gleichen Jahr zum Wort des Jahres gewählt. Seither ist Wut ein Thema. Mit dem Bild des dumpf brüllenden Wutbürgers verbreitete sich auch die Vorstellung, dass jede Äusserung von Unmut in der Öffentlichkeit verwerflich sei. Wer seinem Ärger Luft macht, bekommt heute schnell einmal das W-Wort angeheftet: vom Wutpolitiker über den Wutjournalisten bis zum Wutkünstler.

Dass Wut auch heilsam sein kann, wissen nicht nur Psychologen. Wer würde leugnen, dass geschichtliche Errungenschaften nicht auch der Wut jener bedurften, die auf die Barrikaden gingen? Die Stigmatisierung der Wut im öffentlichen Raum, wo jedes heftige Wort gleich mit dem Wutbürgerstempel versehen wird, ist deshalb der falsche Weg. Damit überlassen wir sie endgültig den Dumpfen.