Analyse
Der Wandel ist stärker

Patrik Müller
Patrik Müller
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Anfang November demonstrierten rund 200 Personen vor dem kürzlich eingeweihten Bahnhof in Bellinzona, um gegen den "schleichenden Abbau" der SBB-Werkstätten zu demonstrieren.

Anfang November demonstrierten rund 200 Personen vor dem kürzlich eingeweihten Bahnhof in Bellinzona, um gegen den "schleichenden Abbau" der SBB-Werkstätten zu demonstrieren.

KEYSTONE/PABLO GIANINAZZI

Es war der letzte grosse Streik in der Schweiz, und es war der grösste Streik in der Geschichte der SBB: Vor fast zehn Jahren legten 400 SBB-Arbeiter in den Werkstätten in Bellinzona, wo die Loks unterhalten werden, die Arbeit nieder. Und das während vier Wochen. Gianni Frizzo, der Streikführer, wurde durch die Aktion landesweit bekannt. Am Ende zwangen er und die anderen Arbeiter die SBB-Führung in die Knie: Verkehrsminister Moritz Leuenberger schaltete sich ein und verlangte einen «runden Tisch» zur Schliessung des Industriewerks. Andreas Meyer, der gerade als Bahn-CEO angefangen hatte, knickte ein und nahm die Schliessung zurück.

Der Vorgang vom Frühling 2008 scheint wie aus einer anderen Zeitrechnung zu stammen. Wer die Ereignisse von damals nachliest, der staunt: Da engagierte sich Marco Solari, Präsident von Tessin Tourismus, in «Sondierungsgesprächen». Die Streikenden erzeugten einen Monat lang gewaltigen Druck. Die Kantone schalteten sich ein. So kam der «historische Kompromiss» zum Erhalt der Tessiner Werkstätten zustande.

Das Werk macht dicht – doch der Kampf der Arbeiter war nicht umsonst

Die Geräuschlosigkeit, mit der vorgestern die Schliessung ebendieses Industriewerks bekannt gegeben wurde, steht im Widerspruch zu dieser Vorgeschichte, und doch passt sie in unsere Zeit: Der wirtschaftliche Druck ist auch bei den SBB grösser geworden, wir leben in einer Ära, in der General Electric im Aargau mit einem Federstrich 1400 Arbeitsplätze abbaut und Industrieperlen nach China verkauft werden. Dass ein Streik wie vor zehn Jahren entbrennen könnte, ist unwahrscheinlich, auch wenn für Samstag in Bellinzona eine Protestversammlung angekündigt ist und Gianni Frizzo, mittlerweile pensioniert, nun sagt: «Wir sind enttäuscht.»

Nach 128 Jahren verschwindet das Industriewerk, allem Widerstand zum Trotz. Für den Lok-Unterhalt braucht es heute weniger Leute, neue Technologien und die Automatisierung machen auch vor Staatsbetrieben nicht Halt. War der Protest der Tessiner SBB-Arbeiter also umsonst? Nein – der Kampf hat sich im doppelten Sinn gelohnt. Erstens hatten 400 Angestellte und ihre Familien während zehn Jahren Brot und Verdienst. Zweitens werden die Werkstätten in Bellinzona zwar geschlossen, aber bis 2026 ist im Tessin ein kleineres Werk für den Fahrzeugunterhalt geplant, nicht in Bellinzona selbst, sondern an einem günstigeren Standort nördlich der Kantonshauptstadt. Immerhin 200 Mitarbeiter werden dort beschäftigt sein.

Der Unterschied zwischen Staatsbetrieben und Privatwirtschaft

Es wäre wünschenswert, wenn der Wandel – in vielen Branchen wird er vor allem durch die Digitalisierung getrieben – auf diese Weise organisiert werden könnte: Die Menschen bekommen mehr Zeit, und Umbau bedeutet nicht kompletter Abbau. Es wäre auch wünschenswert, wenn regionalpolitische Überlegungen zugunsten der peripheren Gebiete mitspielen würden. Doch was bei den SBB und anderen Bundesbetrieben möglich ist, erweist sich in der Privatwirtschaft im globalen Wettbewerb oft als unrealistisch.

In den vergangenen Wochen und Monaten sahen wir, wie blitzschnell Arbeitsplätze abgebaut oder verlagert werden: Nebst General Electric gab der Pharmakonzern Roche die Streichung von 235 Stellen in Kaiseraugst AG bekannt, bei Rockwell Automation in Aarau drohen 250 Jobs verloren zu gehen, der Solarindustriezulieferer Meyer Burger verlagert 180 Arbeitsplätze nach China, und der Bankensoftware-Hersteller Avaloq will 60 Jobs abbauen. Auch Klein- und Mittelbetriebe, deren Sparmassnahmen kaum je in der Zeitung erscheinen, müssen im Konkurrenzkampf sehr rasch reagieren. Sie haben nicht wie die Staatsbetriebe – geschweige denn die öffentlichen Verwaltungen – die Zeit, mit Umstrukturierungen zuzuwarten.

Dieser Unterschied könnte ein Grund dafür sein, dass gemäss einer Studie des Stellenvermittlers Jobcloud und der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften die Arbeitsstellen im öffentlichen Dienst beliebter werden: Vielen Menschen macht der rasante Wandel des Berufslebens Angst, sie suchen nach Sicherheit. Wie man bei der aktuellen SRG-Debatte («No Billag») sieht, ist aber auch im staatsnahen Sektor nichts sicher. Eines steht fest: Auf lange Sicht ist der Wandel immer stärker als der Widerstand.