Bildung
Der Run aufs Gymi ist verständlich

In ihrem Gastkommentar schreibt Monika Bütler, Professorin für Wirtschaftspolitik am Schweizerischen Institut für Empirische Wirtschaftsforschung der Hochschule St. Gallen, warum der Gymi-Boom seine berechtigten Gründe hat.

Monika Bütler
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Monika Bütler: «Das Gymi ist anstrengend, offeriert aber neben Wissensvermittlung auch eine Zeit der Orientierung, des Ausprobierens und des Nachdenkens.» (Symbolbild)

Monika Bütler: «Das Gymi ist anstrengend, offeriert aber neben Wissensvermittlung auch eine Zeit der Orientierung, des Ausprobierens und des Nachdenkens.» (Symbolbild)

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Als meine Söhne noch jünger waren, schlug ich meinem (Zürcher) Mann manchmal vor, in meine alte aargauische Heimat zu ziehen. Weil ich die Durchlässigkeit und Flexibilität des Bezirksschulsystems in guter Erinnerung hatte. Aber auch, weil ich den Hype ums Gymi in Zürich fast nicht aushielt. Spätestens in der vierten Klasse, oft schon früher, beherrschte das Gymnasium jedes Gespräch mit anderen Eltern.

In merkwürdigem Kontrast dazu stehen jedes Jahr die Beiträge, die zeitgleich mit den Gymi-Prüfungen in verschiedenen Kantonen in den Medien erscheinen. Mit immer gleicher Aussage: Das Gymi ist nicht alles. Angeblich überehrgeizige Eltern werden mit Hohn überschüttet, weil sie ihren nicht so brillanten Nachwuchs mit teuren Nachhilfekursen ans Gymi prügeln wollen. Das Ganze wird begleitet vom obligatorischen Lobgesang auf die duale Bildung, ohne den man heute sofort geteert und gefedert wird.

Wer nachschaut, wer all das schreibt, merkt schnell: Die allermeisten Kritiker des gymnasialen Bildungsweges sind selber ans Gymi gegangen und haben nachher studiert. Der eigene Nachwuchs geht natürlich ebenfalls aufs Gymi. Das ist dann aber etwas gaaaanz anderes: Aron wollte schon mit drei Griechisch lernen, Lea ist ein Mathegenie und wäre in der Sek hoffnungslos unterfordert, Caesar ist ein Chemietüftler.

Wie es die Wochenzeitung «Zeit» kürzlich ausdrückte: Die Akademiker möchten das Gymi gern für sich behalten. Oft schwingt noch der Unterton mit, dass die deutschen Nachbarn das Schweizer Bildungssystem einfach nicht kapieren wollen. Liegen denn die gescholtenen Eltern und Kinder so falsch?

Die Frage stellt sich in der ganzen Schweiz. Wahrscheinlich verlangt die digitale Revolution eher mehr von den noch wenig zielgerichteten Fähigkeiten, die das Gymi vermitteln will – und es meistens sogar erreicht. Das Gymi ist anstrengend, offeriert aber neben Wissensvermittlung auch eine Zeit der Orientierung, des Ausprobierens und des Nachdenkens.

Ganz nutzlos kann dieser Weg nicht sein, wie die grosse Zahl importierter Akademiker zeigt. Andererseits: In den USA und China ist die Knappheit an guten Handwerkern so gross, dass mehr und mehr ehrgeizige Jugendliche wieder in diese Berufe strömen.

Die Attraktivität der gymnasialen Bildung hat allerdings auch handfeste Gründe. Erstens ist es für viele Kinder zu früh, mit vierzehn Jahren eine Lehrstelle zu suchen. Bewundernswert, dass eine grosse Zahl von Kindern die schwierige Berufswahl offenbar mit Erfolg treffen kann. Andere Kinder sind zum Ende der Schulpflicht weit weg, einigermassen informierte Entscheidungen zu treffen.

Eine Lehre machen, um danach die (meist kostenpflichtige) Passerelle zu machen, ist für den Lehrbetrieb unbefriedigend (er wird um eine hoffnungsvolle Nachwuchskraft gebracht), für den jungen Mann oder die junge Frau sehr teuer und aufwendig. Fragen Sie sie die Absolventen.

Es fehlt, zweitens, vielerorts ein 10. Schuljahr, eine 4. Sek sozusagen, für die guten Schüler und Schülerinnen. Ein begabtes Kind mit einem noch unbestimmten Lehrwunsch ist am Gymi oft besser aufgehoben – und hält sich erst noch die Optionen offen. Ein Skandal ist ausserdem, dass das 10. Schuljahr in vielen Gemeinden 10 000 Franken und mehr kostet, während die Kantonsschüler nur Kopien und Ausflüge extra bezahlen müssen.

Zu guter Letzt ist das Gymnasium ein vom Steuerzahler paradiesisch ausgestattetes Privileg. Dieses Privileg anstreben zu wollen, ist verständlich. Ich würde mir sogar wünschen, die Gymis würden bei ihren Demos gegen den Bildungsabbau nicht nur die wegfallenden Nebenfächer thematisieren, sondern dafür kämpfen, das Privileg der gymnasialen Bildung auch anderen begabten Kindern zu ermöglichen.

Die von der ETH-Professorin Elsbeth Stern gestellte Diagnose, dass nicht immer die Richtigen am Gymi sind – und somit vielen «Richtigen» der Zugang verunmöglicht wird –, muss zu denken geben. Das Problem löst man allerdings nicht mit einem erschwerten Zugang, sondern durch geeignete Methoden, welche die bisher zu wenig berücksichtigten Kinder identifizieren und fördern. Die offenere Sekundarschulstufe im Aargau erreicht dieses Ziel bestimmt besser als das Zürcher System.

Dass übermotivierte Eltern ihren minderbegabten Nachwuchs gegen dessen Willen ans Gymi prügeln, ist eine Legende. Die meisten Kinder wollen selber, und wissen auch – wenn auch vage – weshalb. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, den heutigen Eltern ständig Führungsschwäche in der Erziehung vorzuwerfen.

Ausgerechnet bei einer zukunftsorientierten Entscheidung sollen Eltern dann nicht mehr reinreden. Wir würden gescheiter für den Ehrgeiz der 12- bis 14-jährigen Jugendlichen und ihrer Eltern applaudieren, statt ihn zu kritisieren – egal, ob sie sich für eine Lehre oder fürs Gymi entscheiden. Eines ist sicher: Wir werden den Ehrgeiz der Jungen in der Zukunft brauchen.

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