Analyse
Der Nestlé-Zauber verfängt

Analyse zur Reaktion der Anleger auf die Initiative von Daniel Loeb in Sachen Nestlé.

Daniel Zulauf
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Nestlé tritt seit fünf Jahren an Ort.

Nestlé tritt seit fünf Jahren an Ort.

KEYSTONE/GAETAN BALLY

Vier Tage nach der Veröffentlichung seines Briefes an den Lebensmittelmulti sind der New Yorker Hedge-Fund-Manager Daniel Loeb und seine Kunden 140 Millionen Dollar reicher – alles Magie?

Daniel Loeb wird sich die Hände reiben. Am Sonntagabend, als die Börsengeschäfte ruhten, sorgte er dafür, dass die ganze Finanzwelt bei Handelseröffnung am Montag über die grösste Wette seines Lebens in Kenntnis war. Er habe 40 Millionen beziehungsweise 1,25 Prozent aller Nestlé-Aktien eingesammelt, gab der Hedge-Fund-Manager in einem Brief bekannt. Danach folgte die Kritik am Management und an der Strategie des Lebensmittelriesen – über sieben Seiten hinweg. Neue Aspekte oder überraschende Forderungen habe Loeb keine vorgebracht, findet Philippe Baertschy, langjähriger Nestlé-Analyst bei der Zürcher Börsen- und Vermögensverwaltungsbank Vontobel.

Die Antwort aus Vevey folgte postwendend

Am Dienstagabend skizzierte Nestlé «das künftige Wertschöpfungsmodell einschliesslich strategischer Wachstumsprioritäten und Unterstützung der Kapitalstruktur». In dem Text findet Loeb auf fast alle seiner Kritikpunkte eine Antwort. Nestlé erklärt, in welchen Geschäftsfeldern künftig die Prioritäten gesetzt werden sollen. Margenschwächere Bereiche (Gefrierpizzas, Glace, Schokolade) finden keine Erwähnung. Nicht nur Analyst Bertschy wertet dies als Hinweis, dass diese Geschäfte längerfristig (auf Sicht von vielleicht zehn Jahren) nicht mehr im Sortiment von Nestlé zu finden sein werden. Eine Sortimentsstraffung exakt nach diesem Muster hatte Loeb am Sonntag gefordert.

Gleichzeitig gaben die Viviser den baldigen Start eines Aktienrückkaufprogramms bekannt. Durch den Rückkauf von eigenen Beteiligungspapieren im Wert von 20 Milliarden Franken wird billiges Fremdkapital durch teureres Eigenkapital ersetzt. Auch das war eine Forderung Loebs. Mit seinem Vorstoss punktet er gleich zweimal. Erstens ist der Kurs der Nestlé-Aktien seit Sonntag um mehr als vier Prozent gestiegen, und die Investoren von Loebs Hedge-Fund Third Point sind nun 140 Millionen Franken reicher. Und zweitens hat Loeb seinen Kunden gezeigt, dass es sich lohnt, blind auf seine feine Nase zu setzen. Die Manager intransparenter Hedge Funds brauchen naturgemäss Kunden, die ihnen blind vertrauen.

Wenn Loeb den Ring in der ersten Runde als Sieger verlässt, ist das Nestlé-Management also die Verliererin? Der Standpunkt liesse sich vertreten, zumal die Kommunikation aus Vevey tatsächlich den Eindruck erweckt, als wäre sie nur eine Reaktion auf die Kritik aus New York gewesen. Doch dieser Verdacht lässt sich leicht widerlegen. So hatte Nestlé die Ankündigung des Aktienrückkaufprogramms bereits in der vergangenen Woche bei der Börse angemeldet und die unlängst angekündigte strategische Überprüfung des amerikanischen Süsswarengeschäftes zeigt, dass das Management unter dem neuen CEO Mark Schneider auch eigene Vorstellungen über die künftige Sortimentsgestaltung hat. Analyst Bertschy glaubt, der ganze Nestlé-Zauber ist purer terminlicher Zufall: «Loeb war kein Auslöser für die News und Nestlé wird nicht machen, was Third Point will», ist er überzeugt.

Das «Nestlé-Modell» ist seit fünf Jahren de facto ausser Kraft

Doch abgesehen von derlei taktischem Geplänkel gilt es zu anerkennen, dass die Intervention des Hedge-Fund-Managers auch für den 150-jährigen Multi eine Zäsur markiert. Das «Nestlé-Modell» ist seit fünf Jahren de facto ausser Kraft gesetzt. Statt zielkonform aus eigener Kraft mit jährlich fünf Prozent oder mehr zu wachsen und dabei die Rendite laufend zu steigern, tritt Nestlé seit fünf Jahren an Ort. Eigentlich geht die Stagnationsphase sogar mehr als zehn Jahre zurück. Nicht zufällig führte Nestlé im Juli 2005 den ersten Aktienrückkauf in der Geschichte durch. Seither sind fünf weitere Rückkäufe im Umfang von fast 50 Milliarden Franken hinzugekommen. Dies war definitiv nicht die Idee, als der langjährige Nestlé-Chef Peter Brabeck vor 15 Jahren zum Start des gigantischen Informatikprojektes namens «Globe» geblasen hatte. Globe adressierte die Optimierung aller betrieblichen Prozesse mit dem Ziel, Nestlé zu befähigen, den Umsatz ohne Effizienzverlust auf 200 Milliarden Franken zu steigern. Doch schon die 100-Milliarden-Franken-Marke blieb bis heute unerreicht.

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