Kolumne
Der Kompass im Newsdschungel

Die Kolumne von Susanne Wille zur Kritik am TV-Nachrichtenjournalismus.

Susanne Wille
Susanne Wille
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Susanne Wille fing 2001 beim SRF an zu arbeiten.

Susanne Wille fing 2001 beim SRF an zu arbeiten.

SF

Wenn du überleben willst in diesem Business, dann musst du eines wissen: Veröffentlichte Meinung ist nicht gleich öffentliche Meinung», hat mich ein Kollege gewarnt, als ich in den TV-Nachrichtenjournalismus einstieg. «Wenn dich ein Zeitungsjournalist kritisiert, dann heisst das nicht automatisch, dass auch eine Mehrheit des Publikums das so sieht.»

Diese Aussage, wenn auch gut gemeint, erstaunte mich sehr. Denn für mich bedeutet Kritik Kritik. Und die nehme ich grundsätzlich ernst. Ich mache keinen Unterschied, von wem sie stammt. Entscheidend ist für mich: Ist was dran? Gibt es tatsächlich etwas zu verbessern oder stehe ich zu dem, was wir abgeliefert haben? Kürzlich ist aber Folgendes passiert: Die publizierten Kritiken und die Reaktionen der Zuschauer, also veröffentlichte und öffentliche Meinung, divergierten derart, dass mir die Aussage von damals wieder in den Sinn kam.

Wie weiter? Was jetzt?

Und zwar im Zusammenhang mit konstruktivem Journalismus. Bei diesem Ansatz geht es um die Frage: Wie weiter? Was jetzt? Nicht bloss beim Problem verharren oder die klassische Kontroverse aufzeigen. Sondern den Fokus auf mögliche Lösungen legen. Als Beispiel: Statt nur zu berichten, wie schwierig es ist, IV-Bezüger in den Arbeitsmarkt zu integrieren, aufzeigen, wie und wo diese Menschen erfolgreich wieder arbeiten. Statt nur den Hausärztemangel zu thematisieren, zeigen, mit welchen Mitteln die Dörfer einen Arzt zurückholen. Konstruktiver Journalismus heisst aber nicht unkritischer Journalismus. Probleme und allfällige Lösungen gilt es weiterhin kritisch zu hinterfragen. Was simpel klingt, ist es in der Praxis nicht immer. Alte Denkmuster sind schwer zu brechen und der Zeitdruck im Newsgeschäft ist gross. Trotzdem wollen wir diesen Ansatz im Redaktionsalltag stärker verankern.

Und so setzten wir unter anderem mit einer Spezialsendung ein Zeichen. Die Kritik kam postwendend. In den Medien gab es Stimmen, die uns als naive Weltverbesserer hinstellten. Es sei eine billige Spielart des anwaltschaftlichen Journalismus, hiess es, nicht der Relevanz, dem Publikumsinteresse entsprechend. Doch beim Publikum selber war die Wahrnehmung eine andere. Wir erhielten eine Flut von positiven Mails. Auch in den sozialen Medien grosser Zuspruch. Ehrlich gesagt: Wir waren nicht nur glücklich mit der Sendung, diskutierten noch am gleichen Abend mögliche Verbesserungen. Aber das Publikum war offenbar begeistert, wünschte sich mehr davon.

Es gibt natürlich auch den umgekehrten Fall. Lob in Medien – Ablehnung bei den Zuschauern. Beispielsweise bei Politiker-Interviews. Die Journalistenkollegen schätzen vielleicht Hartnäckigkeit und unbequeme Fragen. Das Publikum hingegen empfindet kritisches Nachhaken, Unterbrechen gern als unanständig. Und dies wird uns auf allen Kanälen zurückgemeldet.

Das Publikum ist mündig

Was bedeutet das? Erstens: dass sich die Feedbackwelt stark verändert hat. Wir Medienschaffenden erhalten dank der sozialen Medien viel mehr Reaktionen. Und sie kommen subito. Der professionelle Journalist als Medienkritiker kann also nicht mehr allein eine Deutungshoheit beanspruchen. Das Publikum ist mündig. Und weil das Programm für das Publikum gemacht wird, soll es seine Meinung – ganz besonders bei einem öffentlichen Medienhaus – auch kundtun. Was für ein Unterschied ist das zu früher. Als ich vielleicht im Zug mit einer Zuschauerin ins Gespräch kam, aber kein Gespür für das Gesamte hatte. Es waren Einzelmeinungen, mit denen ich mich zufällig konfrontiert sah. Heute spielt das Publikum eine aktivere Rolle. Und wir Medienschaffenden können uns so ein klareres Bild über die Wirkung unserer Arbeit machen.

Zum zweiten Punkt: Der Vergleich von veröffentlichter und öffentlicher Meinung ist relativ geworden. Veröffentlicht wird auch die öffentliche Meinung. Natürlich können die Feedbacks deckungsgleich sein. Sie können aber auch auseinandergehen. So oder so aber erreichen sie mich. Heisst: Die Kontrolle ist grösser geworden, die Meinungsvielfalt ebenso und somit auch die Rechenschaftspflicht. Zusammen sind also die kritischen Journalistenkollegen und das kritische Publikum – nebst meines inneren Kompasses – eine wichtige Navigationshilfe im täglichen, verrückten Newsdschungel. Richtig so. Und Danke.

Die Autorin wurde in Villmergen geboren und arbeitet seit 2001 beim Schweizer Fernsehen. Sie moderiert das Nachrichtenmagazin «10vor10» und ist im News-Projektteam, das sich mit der Entwick-lung der Nachrichtensendungen befasst.