Kolumne
Der Frust nach den Ferien

Kolumne über das Paradox: Je gesünder wir leben, desto kränker fühlen wir uns.

Ludwig Hasler
Ludwig Hasler
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Sind die Ferien zu Ende, droht zu Hause der deprimierende Alltag. (Symbolbild)

Sind die Ferien zu Ende, droht zu Hause der deprimierende Alltag. (Symbolbild)

Getty Images/iStockphoto

Wir kommen einfach nie aus dem Schlamassel heraus. Obwohl wir eine Menschheitsplage nach der andern ausschalten. Mit dem Krebs dauert es noch eine Weile, dank Immuntherapie sind wir in Siegerlaune. Längst besiegt ist der Kropf, diese monströs vergrösserte Schilddrüse, mit der einst jeder Dritte gestraft war. Keuchhusten? Erinnert sich noch jemand an das Dauergebell unter Kindern? Und die Zähne erst. Nicht lange her, da liessen sich die Leute auf die Hochzeit ein wackeliges Gebiss einsetzen; heute wird man an Seniorentreffs geblendet von absolut intakten Zahnreihen. Sogar gegen das Schnarchen gibt es Mittel, digitale, also schlaue: Sensoren lassen sofort das Kissen anheben, und wir atmen befreit durch. Und so weiter – es geht hier nicht um Vollständigkeit.

Nach drei Wochen Schluss mit lustig

Doch nun dies: Bald die Hälfte in unserem angeblich glücklichsten Land der Welt leidet unter dem Post-Holiday-Syndrom. Konkret: 55 Prozent Romands, 38 Prozent Deutschschweizer. Geht so: Drei Wochen nichts als Strand, Facebook, Bier, Instagram, Spass, der Mensch total Mensch, frei, lustig, happy. Am Montag danach, zurück am Arbeitsplatz, Schluss mit lustig: Der Mensch total verwirrt, geknechtet, entfremdet, unglücklich – es zeigen sich ganz klar Symptome von Verbitterung, ja von Deprimiertheit, und das kann unmöglich im Sinne der Menschenwürde sein, das muss also ernst genommen werden, diagnostiziert und therapiert. Was nicht so einfach ist, denn die einzig wirksame Therapie wäre vermutlich eine fortgesetzte Fristerstreckung der Ferien, womit der krankheitsverursachende Arbeits-Montag stets weiter hinausgeschoben und das Post-Holiday-Syndrom entsprechend krasser zuschlagen würde.

Wie gesagt: Wir kommen – trotz aller Fortschritte – nicht aus dem Schlamassel heraus. Wir stecken im sogenannten «Gesundheits- Paradox», das der Harvard-Psychiater Arthur Barsky 1988 auf die Formel brachte: Je gesünder eine Gesellschaft lebt, desto kränker fühlt sie sich. Auf Schweizer Verhältnisse übertragen: Wir senken gehorsam unsere Sucht-Rationen (weniger Nikotin, weniger Alkohol, weniger harte Drogen), so haben wir uns immer besser im Griff, schliesslich haben wir Charakter – und werden stets depressiver. Nirgendwo auf der Welt suchen so viele Leute psychiatrische Hilfe wie in der Schweiz. Ungezählte ängstigen sich vor Laktose, Gluten, Antibiotika-Rückständen; wir werden nie wissen: Macht Glutamat krank – oder die Angst vor ihm? Vier von zehn Erwerbstätigen bezeichnen sich als «erschöpft» (nicht vom suchthaften Handygebrauch, einzig und allein vom Stress am Arbeitsplatz). Womit wir zurück sind beim Post-Holiday-Syndrom.

Stress, übrigens, ist auch so ein Post-Syndrom. Jahrhundertelang schwitzte der Mensch, er rackerte sich kaputt, er fluchte, er verfluchte Eva, die ihm das eingebrockt hatte mit ihrem unbeherrschten Biss in den Apfel; dieses «im Schweisse deines Angesichtes» war oft zum Kotzen, doch irgendwie nahm der Mensch es hin als Folge der Erbsünde oder der eigenen Debakel, jedenfalls erwartete er auf dieser Erde nichts Besseres. Bis eines Tages, irgendwann in den 1970er-Jahren, die Vokabel «Stress» zirkulierte. Seither schwitzen wir nicht mehr banal körperlich, wir fluchen nicht den Göttern, nein, wir leiden unsäglich innerlich, sozusagen auf höherem seelischen Niveau. Wir sind «gestresst» – und ein Heer von Wissenschaftlern und Fürsorgerinnen erforscht und entübelt die neue zeitgemässe Pathologie, wenngleich ohne nachhaltige Wirkung, falls ich das richtig sehe.

Lachen hilft

Was läuft da ab? Die übliche Menschenlogik. Die folgt selten der Vernunft, eher Emotionen wie Furcht und Hoffnung. Die kümmern sich nicht um Realitäten (die sind immer durchzogen), sie halten sich lieber an Erwartungen (die sind gern rein). Über Reinheit stolpern wir immer. Momentan über unsere hochgeschraubten Erwartungen an eine reibungslose Existenz (wie auf der bescheuerten neuen 50er-Note: Gleitschirmfliegen über den Alpen, Pusteblume, kein Wunder, schlägt das Syndrom dann zu). Wir denken gern, eigentlich müssten wir doch den Berg der Dauerprobleme endlich durchstiegen haben, oben auf dem Gipfel der Problemlosigkeit angekommen sein. Genau diese Erwartung macht uns krank. Statt dass uns Fortschritte munter machen, lähmen sie uns – nach der Devise: Je tüchtiger Medizin uns entübelt, desto brutaler werden die Übel, die bleiben. Siehe Montags-Verbitterung.

Hilft da Psychiatrie? Ich schwöre auf Gelächter.

Ludwig Hasler ist Kolumnist in Fachzeitschriften für Management und Kommunikation, Referent für Fragen der Zeit-Diagnostik. Sein jüngstes Buch: «Des Pudels Fell. Neue Verführung zum Denken.»