Gastkommentar
Das Schweigen der Senioren

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Die Schweiz hat gemäss BAG (Stand: 29.12.20) 6909 Coronatote gemeldet. In Deutschland sterbe alle 3 Minuten eine Person an Corona, war am 13. Dezember in der ARD zu hören, regelmässig sei ein Jumbo-Absturz-Äquivalent zu beklagen. Eine Tatsache, die wir erstaunlich gelassen zur Kenntnis nehmen. Wir hören «vom ruhigen Einschlafen», «von reich erfülltem Leben», medizinisch wird von «ohnehin höherem Alter», gerne auch von «Polymorbidität» gesprochen. Gemeint sind etwa ein hoher Blutdruck, Diabetes oder Herzerkrankungen. Chronische Krankheiten also, die – gut eingestellt – durchaus mit einer guten Lebensqualität vereinbar wären. Der Tod wird oft verdrängt, als «ohnehin unausweichlich» bezeichnet, Corona als «Erlösung» dargestellt.

Die Realität ist meist anders. Es lohnt sich, hinzuhören und hinzusehen. Einige Patienten haben durchaus noch ihre schweigende To-do-List, haben Dinge zu erledigen und auch durchaus etwas zu bieten. «Für ein Alter, das noch etwas vorhat», titelte Ludwig Hasler in der AZ. Viele Patienten hätten noch wertvolle Monate, oft Jahre gehabt, fast alle hät­- ten etwas zu sagen, zu erzählen, oft Lebensweisheiten, die es sich speziell jetzt anzuhören lohnt, analog den alten Griechen mit ihrem greisen Nestor, dessen Rat viel galt.

Die meisten Patienten schweigen hierzu, oft aber ist die Angst in den Augen leicht zu erkennen, Angst vor Atemnot, Schmerzen, Einsamkeit, Ungewissheit, ob sie es schaffen oder alleine Sterben; viele wollen nicht zur Last fallen, und schweigen deshalb, sie denken, sie seien zu teuer, ja schämen sich fast, aber eigentlich gäbe es schon noch dieses oder jenes zu erleben, zu tun, zu sagen, zu erledigen, abzuschliessen. Man ist nie fertig.

Viele Patienten bringen eine grosse Dankbarkeit zum Ausdruck, das Wort «mein Engel» fällt nicht selten für die Pflege, durchaus mit Übergängen im Delirium. Täglich wünscht man mir vonseiten der Patienten ein überraschendes, herzliches «Bleiben Sie gesund!». Viele unserer Patienten hätten Wichtiges zu sagen, sie tun es nicht, oder sie tun es schweigend. Es ist unsere Pflicht, in diese öfters irreversible Stille zu hören. Dass einige ihr Testament innerhalb ihrer Verwandtschaft spät und in aller Stille noch ändern, zeigt oft eine späte Klarsicht der Dinge («das hätte ich schon seit Jahren tun sollen»). Mit dieser stillen Irreversibilität sollten wir aktiv umgehen, sie ansprechen, abwägen, hinhören. Die meisten Patienten würden gerne noch etwas Zeit haben, meistens schweigen sie, und nehmen uns – Ärztinnen, Pfleger und Politiker – damit nicht weniger in die Pflicht. Nestor hat die alten Griechen gut beraten und sie haben meist hingehört; Mani Matter hat die beiden Piloten beim Alpenflug begleitet; sie haben auch geschwiegen nach dem Aussetzen des Motorenlärms. Ich möchte nicht missverstanden werden, es soll hier keineswegs einer Maximalmedizin der Wert geredet werden, wohl aber einer differenzierten und respektvollen Entscheidungsfindung, für die es gelegentlich die Zeit braucht, die wir heute nicht mehr immer haben.

Lasst uns das Schweigen «unserer Alten» einbeziehen bei unseren Güterabwägungen, beispielsweise bei der Frage, ob man Ski fahren soll. Denn es sind allzu oft irreversible Entwicklungen und Entscheide, mit denen wir per­sönlich und als Gesellschaft umzugehen haben.

Jürg Hans Beer ist Chefarzt und stellvertretender CEO am Kantonsspital Baden.